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Ovationen und Buhs für die "Meistersinger" in Berlin

13. Juni 2022 · Lesedauer 2 min

Neben seinem ausgeprägten Antisemitismus sind es etwa penetrante Deutschtümelei und häufige Frauenverachtung, die den Genuss von Richard Wagners Opern als Gesamtkunstwerke oft erschweren. So sind "Die Meistersinger von Nürnberg" nicht nur ein über viereinhalb Stunden packender Gesangswettbewerb, sondern gehören wegen des Anspruchs eines finalen Gründungsmanifests deutschnationaler Kunst auch zu den umstrittensten Werken Wagners (1813-1883).

Die Deutsche Oper in Berlin hat die Aufgabe einer neuen Inszenierung dem in der Vergangenheit mit Auszeichnungen überschütteten Trio Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito überlassen. Für die Premiere gab es am Sonntagabend Ovationen - und einige Buh-Rufe für die Regie. Kommentar einer Premieren-Besucherin: "Wenn du nach 'ner Wagner-Premiere ausgebuht wirst, weißt du, dass du was richtig gemacht hast."

Wieler, Viebrock und Morabito legen die Handlung in ein hochschulartiges Institut. Kostüme und Corona-Schutzmasken im Chor - wie im Parkett nur von einigen wenigen Mitgliedern getragen - übernehmen den aktuellen Bezug. Der Streit der Sangesmeister erinnert so an das Buhlen in Unis um Professuren, der gebeutelte Gesangsschüler David (Ya-Chung Huang) scheint ein Vorläufer des wissenschaftlichen Nachwuchses, der unter dem Hashtag #ichbinHanna Ausbeutung thematisiert.

Der singende Meister Hans Sachs (Johan Reuter) ist auch Schuster, in der Inszenierung wird er die halbe Bühnenmannschaft mit jenen knallbunten offenen Kunststoffschuhen ausstatten, die als "Crocs" um die Welt ziehen. Seine heimliche Liebe Eva (Heidi Stober) hat sich inzwischen in den feschen Walther von Stolzing (Klaus Florian Vogt) verknallt. Der ist zwar kein Meistersinger, kann sich dank einer liebestaumelnden Komposition aber im gesungenen Wettstreit durchsetzen.

Die Inszenierung setzt Wagners gelegentlicher Schwere immer wieder ironische Brechungen und auch derbe Interpretationen entgegen. Nächtliche Ausgelassenheit wird so zu einer ballettartigen Orgie, die sich über den Bühnenhintergrund zieht, während vorn gesungen wird. Zum Wettstreit wird das Bühnenpublikum aus dunkler Nacht in den Saal geweht. Das national überhöhte Finale relativiert das Regieteam durch ein wirr-entrücktes Jubeln des Chores.

Anhaltenden Beifall gab es für Solisten, Chor und Orchester. Unmut erregten wohl einige Ungenauigkeiten von Dirigent Markus Stenz. Er hatte kurzfristig für den erkrankten Generalmusikdirektor Sir Donald Runnicles die musikalische Leitung übernommen.

(S E R V I C E - https://deutscheoperberlin.de)

Quelle: Agenturen