"Orestie"-Kondensat überzeugt in Petronell-Carnuntum
Das Ambiente ist natürlich stimmig für derartige Aufführungen, auch wenn Carnuntum nicht mithalten kann mit Orten wie dem Amphitheater von Epidaurus, wo die Orestie vor 15.000 Besuchern zur Aufführung kam. Doch hat auch Carnuntum seine Qualitäten, denn hier sind die Mitwirkenden viel näher am Geschehen, lässt sich auch die intensive Körpersprache fast hautnah erleben, die als Merkmal der dramaturgischen Methode von Terzopoulos gilt.
Dem Chor kommt zentrale Bedeutung zu, wobei er nicht als amorphe Masse auftritt, sondern immer auch als Verbindung von Individuum und Gemeinschaft, von Ritual und Reaktion, somit als lebendiger Organismus erscheint. Wenn sich der Wächter zu Beginn gegen lästige Fliegen wehrt, liegt die Assoziation zu Sartres "Fliegen" nahe. Die Abwehrhaltung verselbstständigt sich in geradezu zwanghaft wiederholte Bewegungsmuster. Archetypische Bildhaftigkeit und aussagestarke Symbolik kennzeichnen die Inszenierung.
Am Ende kippt die Geschichte
Im letzten Teil kippt die Geschichte: Ein verzweifelnder Mensch wälzt sich schreiend im Bühnenzentrum, dazu ist Maschinengewehrgeknatter zu hören und die Stimme einer Nachrichtensprecherin, die abwechselnd die Anzahl von Getöteten im Nahen Osten, in Kiew und New York (!) sowie Börsendaten bekannt gibt. Ein Inferno, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint: Gewalt und Rache bestimmen seit jeher das Weltgeschehen, in dem es keine Gerechtigkeit gibt. Die Furien triumphieren weiterhin über die Eumeniden: Ein untröstlicher Ausklang und eine aktualisierende Interpretation über die scheinbare Distanz historischer Mythen hinweg.
Zusätzliche, wenngleich unerwünschte Dramatik erfuhr der Abend durch die Kapriolen der Witterung: Sturm und Regen erzwangen eine Unterbrechung und in weiterer Folge eine Kürzung, um die dreistündige Aufführungsdauer einzuhalten. Sowohl Mitwirkende wie Publikum hielten durch und spendeten einander zuletzt gegenseitig Beifall.
(Von Ewald Baringer/APA)
(S E R V I C E - Aischylos: "Orestie" in Petronell, Römisches Amphitheater, im Rahmen von Art Carnuntum in einer Inszenierung des griechischen Nationaltheaters. Regie: Theodoros Terzopoulos. Weitere Aufführung am 30. August bereits ausverkauft. Von 5. bis 7. September: The Lord Chamberlain's Men mit William Shakespeares "Twelfth Night". www.artcarnuntum.com)
Zusammenfassung
- Das griechische Nationaltheater präsentierte am Freitagabend im römischen Amphitheater von Petronell-Carnuntum eine dreistündige, pausenlose Inszenierung der "Orestie" von Aischylos.
- Regisseur Theodoros Terzopoulos setzte auf intensive Körpersprache, eine zentrale Rolle des Chors und aktualisierte das antike Drama mit modernen Geräusch- und Nachrichtenelementen.
- Wetterkapriolen mit Sturm und Regen führten zu einer Unterbrechung und Kürzung, doch Ensemble und Publikum hielten durch und spendeten sich am Ende gegenseitig Beifall.