APA/ROLAND SCHLAGER

"Neugierdsnase" Fabian Rucker freut sich auf Saalfelden

10. Aug. 2022 · Lesedauer 6 min

Zwei Jahre hat Fabian Rucker warten müssen, doch diesen Sommer ist es soweit: Mit seinem neuen, simpel Rucker betitelten Quintett eröffnet er am 19. August das 42. Jazzfestival Saalfelden auf der Hauptbühne im Congress. "Wurscht ist es mir nicht", lachte der gebürtige Salzburger im APA-Interview über den Druck. "Es ist einfach ein Traum, der in Erfüllung geht." Musikalisch darf man sich auf einiges gefasst machen bei dem umtriebigen Musiker.

Spricht man mit dem Saxofonisten, wird man schnell angesteckt von seiner unbändigen Energie. Insofern verwundert es auch nicht, dass Rucker sich kaum beschränken lässt - weder auf ein Instrument, noch auf eine Leidenschaft. Neben seinem Hauptwerkzeug haben es ihm auch Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Bass, Gitarre und allerlei Elektronik angetan. Und in seiner wenigen Freizeit schwitzt er in einem Musiker-Fitnessstudio in Wien, frönt dem Fermentieren oder ist bei seinem Yoga-Guru zu finden. "Es ist einfach schön, abseits meines Berufsfeldes solche Prozesse zu beobachten", betonte Rucker.

Dabei merke er auch: "Steter Tropfen höhlt den Stein. Außerdem ist Musik ja eigentlich nicht greifbar. Ich habe nichts in der Hand. Und bei diesen Dingen hast du plötzlich etwas zum Angreifen. Körper und Geist sind einfach mein Kapital. So funktioniere ich nicht nur besser, sondern auch gesünder", nickte Rucker. "Das ist der Punkt." Und da weiß er, wovon er spricht, hatte er vor einigen Jahren doch nicht nur mit einem Burn-out zu kämpfen, sondern auch einer später folgenden Borreliose-Erkrankung. "Es war der Wahnsinn. Sie haben mir gesagt, dass ich zwei Jahre brauchen werde, bis ich wirklich wieder zurück bin. Ich hätte das nicht geglaubt. Seit einem halben Jahr funktioniere ich nicht nur halbwegs, sondern kann auch wieder Kondition und Kraft aufbauen."

Zwei Dinge, die für einen Berufsmusiker nicht unwesentlich sind. "Ich bin jetzt viel ruhiger, treffe andere Entscheidungen - auch beim Spielen. Natürlich ist es ein Unterschied, wenn du körperlich gut im Saft stehst. Beim Spielen brauchst du schon ein bisschen Kraft." Für das Komponieren würden ihm seine vielen Interessen wiederum "einen anderen Blick" ermöglichen. "Früher wollte ich alles auf einmal. Vielleicht ist es noch immer ein bisschen so, aber es ist besser geworden", lachte Rucker. "Ich haue mich jedenfalls zu 100 Prozent in Dinge rein, die mir wichtig sind. Wie etwa Analogfotografie oder Kochen. Egal wo ich hinschaue, die Parallele ist immer da."

Insofern begreife er seine Musik und sein Spiel auch als Kunsthandwerk. "Mir ist dabei wichtig, dass in der Kunst das Handwerk vergessen werden darf." Die technischen Fähigkeiten seien natürlich essenziell, dürften aber nicht zu sehr in den Vordergrund rücken oder gar zum Selbstzweck werden. "Bei einem Wayne Shorter denkt keiner daran, wie gut er Saxofon spielen kann. Es geht um den berühmten einen Ton, der dich trifft und berührt." Diesem Ereignis dürfe nichts im Weg stehen. Notwendig dafür: Ein Wissen über die Basis. "Ohne geht es beim Musizieren nicht. Wenn du eine einfache Kadenz nicht verstanden hast, wird alles andere wahnsinnig schwierig. Gleichzeitig braucht es so viel, um diese simple Kadenz wirklich zu verstehen."

Das wolle er auch seinen Studierenden an der Linzer Anton Bruckner Uni mitgeben. "Man kann im Unterricht nicht hergehen und den Leuten zeigen, was sie alles nicht können. Eigentlich sollte man auf Sicherheit aufbauen. Wo ist dieses Zentrum, von dem aus ich mich wegbewegen kann?" Die neuen Orte seien schließlich das wirklich Spannende, das Ausbrechen aus der Komfortzone. "Ich muss beispielsweise permanent etwas tun, ich bin einfach so eine Neugierdsnase", schmunzelte Rucker. "Das Leben ist eh so kurz. Da kann ich gar nicht genug wissen und erfahren."

Die Erfahrung als Eröffnungsmusiker in Saalfelden hat er vor einigen Jahren mit seinem Kollegen Philipp Nykrin bereits einmal gemacht, für 2020 stand dann sein eigenes Auftragswerk an. Durch Corona musste das Projekt jetzt nicht nur verschoben werden, sondern hat sich auch gewandelt. "Ich war natürlich schon so weit, die Musik war fertig", rekapitulierte Rucker. "Aber ich bin keiner, der etwas zwei Jahre liegen lässt und dann wieder nimmt. Vielleicht findet es einmal irgendwo seinen Platz." Heuer aber wolle er mit seinen vier Mitmusikern in erster Line spielen. "Ich habe genug komplizierte Charts gelesen in letzter Zeit, meine Kollegen auch. Wir sind einfach ready, gemeinsam Musik zu machen."

Erwarten dürfte man sich einen experimentellen Zugang, der mit "instant composing" aber auch in einem etwas festeren Rahmen stattfinde. "Und was uns allen in der Band wichtig ist: Sound! Es geht darum, wie es klingt und dass es ineinander greift. So, wie ich es mir jetzt vorstelle, wird es auf jeden Fall sehr farbenfroh." Dafür zuständig sind neben Rucker der bereits erwähnte Nykrin am Piano sowie Gitarrist Mike Gamble, Bassist Kurt Kotheimer und Schlagzeuger Peter Kronreif. "Ich habe mir diese Leute aus gutem Grund eingeladen", nickte Rucker.

Wie für viele heimische Jazzmusiker hat Saalfelden auch für ihn einen sehr hohen Stellenwert. "Als mich Mario (Steidl, Intendant, Anm.) gefragt hat, war ich vollkommen aus dem Häuschen und hatte tausend Ideen, was ich machen kann. Jetzt, nach zwei Jahren Warten müssen, freue ich mich einfach darauf, dass wir es machen. Ich habe gelernt, dass eine gewisse Erwartungshaltung an sich selber und an das, was man fabriziert, schon wichtig ist. Da geht es um Arbeitsethos. Aber es ist nicht so, dass ich den Überdruck verspüre", so Rucker. "Für mich war Saalfelden das erste Festival, bei dem ich mit der Musik in Berührung gekommen bin, die ich jetzt auch mache. Das hat so einen bleibenden Eindruck hinterlassen und ist nach wie vor Inspiration. Insofern will man an so einem Ort auf keinen Fall enttäuschen."

Um das viel zitierte Publikum von morgen macht sich Rucker indes keine Sorgen. "Ich sehe es, es ist da", meinte der Saxofonist über den jazzaffinen Nachwuchs. Wichtig sei aber: Große Egos, Machogehabe oder Ignoranz dürften keinen Platz haben. Lang sei nämlich verabsäumt worden, auf das Publikum zuzugehen. "Die wirklich Frage ist ja: Wen will man beim Konzert sitzen haben? Und geht man auf diese Leute zu und holt man sie ab? Wir müssen schon einen Schritt aufs Publikum zu machen. Es wäre falsch zu denken, die Leute sind nicht bereit für experimentelle Musik. Das ist ein Riesenirrtum! Wer wirklich sein Ding macht und zu 100 Prozent dahinter steht, hat es einfacher."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - 42. Jazzfestival Saalfelden von 18. bis 21. August an verschiedenen Orten in der ganzen Stadt; detailliertes Lineup und Ticketinfos unter www.jazzsaalfelden.com)

Quelle: Agenturen