Neues Solo: Thomas Maurer sieht sich "Im falschen Film"
Der Beginn des Premierenabends verlief aber eher nach "Versteckte Kamera"-Drehbuch: Kaum hatte Maurer die Bühne des Stadtsaals betreten und zum Erzählen angehoben, kam nur noch ein Krachen und dann gar nichts mehr aus den Lautsprechern. Das Headset war perdu und musste getauscht werden. Kurz darauf ein paar falsch platzierte Sound-Einspieler, nach der Pause dann noch ein Texthänger. Aber einen Routinier wie Maurer bringt so etwas nicht aus der Fassung - im Gegenteil: Er kann dank gekonnten Umgangs mit derlei Pannen sogar noch Sympathiepunkte sammeln.
Immerhin hat der 58-Jährige inzwischen fast vier Jahrzehnte Bühnenerfahrung auf dem Buckel. Und immer noch versucht Maurer, Thema und Form seiner Kleinkunst stets zu variieren. In seinem bis dato letzten Solo "Trotzdem" (2024) hat sich der Satiriker mit Social Media und KI auseinandergesetzt und die Auswüchse von Instagram, TikTok und Co. in ein Bühnenstück gepackt. Mit seinem neuen Streich geht der Wiener wieder mehr in Richtung Stand-up und beschreibt mit "Im falschen Film" ein Grundgefühl, dem man sich mit Blick auf die konfusen Storylines der Gegenwart kaum noch entziehen kann.
Strukturiert wird das Programm durch den wiederholten Weg Maurers zur imaginären Siebträgermaschine am Bühnenrand. Die hat sich der Kabarettist in der Midlife-Crisis zugelegt, erzählt er. Und jedes Mal, wenn er darauf wartet, dass sein Edelespresso ins Häferl tröpfelt, kommen ihm so manche Gedanken - zum Beispiel: "Ein Schweinsbraten mit Knödel und Kraut ist eigentlich zu zwei Dritteln vegetarisch." Aber keine Angst, das zweieinhalbstündige Solo (mit Pause) hat durchaus mehr Fleisch. Jeder Kaffee bzw. das Warten darauf setzt neue Erinnerungen und Assoziationen in Gang. Im Lauf des Abends kommt da einiges an Koffein zusammen. Das hält wach - auch das Publikum.
Maurers Solo kombiniert die absurden Auswüchse unserer Gegenwart, in der sich Trump und Co. als gottgleiche wie kriegslüsterne Alphamännchen gerieren und die Mehrheit der Menschen sich einer "begeisterten Weltuntergangsstimmung" hinzugeben scheint, mit feinen Alltagsbeobachtungen. Es geht um die milliardenschweren Tech-Bros und ihren libertären "Zombie-Katholizismus", um Installateur-Traumata und Hausverstand ("wie der Hausschlapfen: im Haus super - aber weiter als bis zur Trafik reicht's nicht"), Cancel Culture und die Sprachpolizei - die kommt mit lautem Knattern dann tatsächlich angeflogen, um einen früheren Mitschüler Maurers und "Man darf ja nix mehr sagen"-Ungustl flugs Hops zu nehmen -, um die demokratiezersetzende Wirkung von Social Media und das Verschwinden des Zwischenmenschlichen.
Polnischer Pfarrer und Bauer mit Hightech-Hof
Neu ist das alles nicht wirklich, aber unterhaltsam allemal. Besonders, weil Maurer mit großer Spielfreude einen polnischen Pfarrer beim Begräbnis genauso leidenschaftlich zum Besten gibt wie einen oberösterreichischen Bauern mit Hightech-Agrarbetrieb oder mafiose Abgesandte des Silicon Valley. Und natürlich ist "Im falschen Film" mit zahlreichen cineastischen Anspielungen gespickt - von "Shining" über "Die Hard" bis zum 007-Klassiker "Moonraker", den Maurer als Folie für Bösewichte wie Elon Musk oder Peter Thiel erkennt. Da kann man sich schon fragen: "Wo ist der Bond, wenn man ihn einmal braucht?"
Auch wenn sich die Realität nicht einfach wegzappen lässt, könnte trotzdem alles gut ausgehen, meint der Satiriker zum Schluss. Seine Message: Man muss nicht auf Leichenbergen stehen, um zu überleben. Ein bisschen mehr Zusammenhalt würd's auch tun. Heftiger Applaus - und damit ein ganz persönliches Happy End für Thomas Maurer.
(Von Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - Thomas Maurer: "Im falschen Film", weitere Termine im Wiener Stadtsaal: 22. und 23. Februar, 3. und 17. März, 1. und 19. April; https://thomasmaurer.at/ )
Zusammenfassung
- Thomas Maurer feierte am Dienstagabend in Wien die Premiere seines 21. Soloprogramms "Im falschen Film", das in zweieinhalb Stunden mit zahlreichen cineastischen Anspielungen und aktuellen Gesellschaftsthemen für Unterhaltung sorgte.
- Trotz technischer Pannen zu Beginn der Vorstellung überzeugte der 58-jährige Kabarettist mit fast 40 Jahren Bühnenerfahrung durch Routine und Humor.
- Im Mittelpunkt des Programms stehen pointierte Alltagsbeobachtungen, Kritik an Social Media, Tech-Milliardären und gesellschaftlichen Phänomenen wie Cancel Culture, wobei Maurer für mehr Zusammenhalt plädiert.
