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Neues Album von Cid Rim

12. Okt 2021 · Lesedauer 4 min

Clemens Bacher hat sich vom Zufall leiten lassen - zumindest bis zu einem gewissen Grad. Der Schlagzeuger und Musikproduzent, der als Cid Rim in der heimischen wie internationalen Elektronikszene unterwegs ist, griff für sein neues Album "Songs of Vienna" in unterschiedlichsten Studios in die Synthesizer-Tasten. Was dabei herauskam, war oft überraschend, neu und anregend. "Es war total intuitiv, ich habe einfach die ersten Sachen genutzt."

Eine "absichtliche Restriktion" war also der Geburtshelfer für die elf stilistisch sehr unterschiedlichen Tracks. "Oft gibt es ja Schmähs bei einem Synth, die man immer wieder anwendet. Die muss man vermeiden, um auf neue Dinge zu kommen", meinte Bacher im APA-Interview. "Oder aber, was noch einfacher ist, du greifst bei einem neuen Instrument, das du noch nicht kennst, einfach mal rein und schaust, was rauskommt." Also simple, voreingestellte Sounds belassen, Hände drauf und los. "So sind einige Hauptthemen entstanden."

Cid Rim gehört mit seinen Kumpels Dorian Concept und The Clonious sicher zu den spannendsten jungen Stimmen am experimentellen Elektronikhimmel. Dabei hat der heute 36-jährige Wiener bereits 2012 sein selbstbetiteltes Debütalbum auf dem renommierten Label LuckyMe vorgelegt. Über die Jahre wurde er auch zum viel gefragten Produzenten und Studiozauberer für andere Künstler, nun steht aber das eigene Schaffen wieder im Fokus.

"Ich habe immer das Gefühl, dass ich hinten nach bin", schmunzelte Bacher über seine verschiedenen Engagements. "Immer habe ich mehr zu tun, als eigentlich Zeit ist. Vielleicht, weil ich bei zu vielen Dingen Ja sage. Vielleicht ist es aber auch einfach schlechtes Zeitmanagement." Für "Songs of Vienna" kam nicht zuletzt die Coronapandemie indirekt zu Hilfe, weil sich Cid Rim dadurch intensiver mit seinen Skizzen und Ideen auseinandersetzen konnte. "Im ersten Lockdown hat alles Formen angenommen, es war ein konzentrierter Blick möglich."

Wie unterschiedlich das Ausgangsmaterial war, bezeugt auch eine zuvor in Wien stattgefundene Session mit befreundeten Musikern, darunter Sixtus Preiss, aus denen Cid Rim letztlich die zwei jazzigen Tracks "Gathering I" und "Gathering II" zog. Diese hat er digital und abgekoppelt vom Rest veröffentlicht. "Das Album wäre auf diese Weise ganz anders geworden", rekapitulierte er die Aufnahmen. "Ich habe gemerkt, dass mir das zu weit weg ist. Aber es war letztlich ein super Sample-Pool, aus dem ich mich bedienen konnte."

Folglich ziehen Nummern wie der große Opener "Paul's" oder das mächtige "The Marrow" auch ihren Reiz aus den unterschiedlichen Sounds, die von handgemacht bis artifiziell reichen, am Ende aber zu einem großen Ganzen geformt werden. Das kürzere "Purgatory" ist wiederum wunderbar verspielt und eingängig. Immer wieder taucht auch Cid Rims Stimme auf - ein in dieser Intensität erstmals auftretendes Novum. "Mir ist da ein bisserl der Knopf aufgegangen", grinste der Musiker.

Inhaltlich setzt er sich etwa in "Last Snow" mit dem Klimawandel auseinander. "Es sind einfach Sachen, die mich beschäftigen", nickte Bacher. "Ich kann nicht mehr mit demselben Gefühl Skifahren gehen wie als Kind. Eigentlich müsste man die Klimakatastrophe ja mehr verdrängen als sich mit ihr zu beschäftigen, weil sich einfach alles in die falsche Richtung entwickelt", findet er harte Worte. "Ich weiß nicht, wie sich das noch ausgehen soll. All das habe ich versucht, über die Skifahr-Metapher auszudrücken."

Musik könne als Ort des Austausches jedenfalls neue Perspektiven und Ideen befeuern. "Ich hoffe sehr, dass meine Songs zugänglich sind für verschiedene Leute aus völlig verschiedenen Szenen. Weil ich ja auch selber sehr viele Einflüsse und verschiedene Charakterzüge habe." Im "Polarizer" wird genau das gesellschaftliche Auseinanderdriften auch thematisiert, obwohl Zusammenhalt und Verständnis so wichtig wären. "Du brauchst einfach nur Empathie, um dich in dein Gegenüber hineinzufühlen, dann hast du eine Gesprächsbasis", so Bacher. "Das Internet macht es aber sehr leicht, sich nur mit seinesgleichen zu beschäftigen und offene Türen einzurennen."

Wenige offene Türen gab es in den vergangenen eineinhalb Jahren im Konzertbetrieb - klarerweise coronabedingt. "Ich bin zum Glück nicht so abhängig vom Livespielen wie andere Leute, es ist nicht sofort der existenzielle Untergang wie für einen DJ, der nur vom Auflegen lebt", meinte Cid Rim. Klarerweise freue er sich aber auf seine bevorstehenden Gigs, darunter am 13. Jänner 2022 im Wiener Porgy & Bess. "Es macht mich auch nervös, gerade mit neuem Programm. Dieser gesunde Respekt gehört aber dazu. Man muss es sich jedes Mal aufs Neue verdienen. Letztlich ist die Nervosität da, um sich zu lösen."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - https://cidrim.bandcamp.com)

Quelle: Agenturen