Neue Novelle von Robert Menasse: "Die Lebensentscheidung"
Mit der Novelle "Die Lebensentscheidung", die kommende Woche erscheint und vom Autor am 24. Februar in Graz, am 25. in Wien und am Folgetag in Linz präsentiert wird, scheint Robert Menasse nahtlos an seine EU-Romane "Die Hauptstadt" (2017) und "Die Erweiterung" (2022) anzuschließen. Ort der Handlung ist zunächst Brüssel - und der Autor beweist erneut stupende Orts- und Sachkenntnis.
Alleine die Beschreibung der "Arbeitszelle" des Referenten der Unterebene "ENV.D.2 Naturkapital und Ökosystemgesundheit", deren zwei Halbfenster einen mühsam errungenen Hierarchieaufstieg dokumentieren ("Der Abteilungsleiter hatte drei Fenster, der Direktor vier, der Generaldirektor fünf"), ist ein Lesegenuss zwischen genauer Beobachtung und feiner Satire. Zwei Poster, eines von der "Pressekonferenz der Tiere" anlässlich der Aubesetzung in Hainburg, und ein Filmplakat von Fellinis "Schiff der Träume", dokumentieren die großen Hoffnungen auf eine Verbesserung der Welt durch ein politisches Gemeinschaftsprojekt, an dem mitarbeiten zu dürfen der so begabte wie idealistische Österreicher 28 Jahre lang stolz war.
Doch nun ist Schluss. "Nein, er hatte seine Überzeugungen nicht verraten, sie wurden verraten von jenen, in deren Dienst er stand." Alles, was Menschen wie er in minutiöser Kleinarbeit an Rahmenbedingungen geschaffen hatten, um der drohenden Umwelt- und Klimakatastrophe entgegenzuwirken, wurde nun aufgegeben. "Und er fühlte sich betrogen. Er hatte genug. Es war sinnlos. Man konnte nicht für das Bessere arbeiten, wenn es für mächtige Interessensverbände besser war, mit Gift und Tod Profit zu machen." Man hat das Gefühl, der Autor kann den Zorn seiner Hauptfigur gut nachvollziehen. Und ist gespannt, wie es weitergeht.
Vorzeitiger Ruhestand und vernichtende Diagnose
Die "Lebensentscheidung" des Kommissionsbeamten Franz Fiala besteht darin, den Kampf gegen Windmühlen aufzugeben und mit 58 Jahren mit Abschlägen in den vorzeitigen Ruhestand zu treten. Das bringt weniger finanzielle als persönliche Probleme. Seine 89-jährige Mutter ist doch unendlich stolz auf ihn und seine Arbeit! Und seine Lebensgefährtin Nathalie, in der gleichen EU-Bubble tätig wie er, wäre wohl mit einem Frühpensionisten wenig glücklich und zu einer Übersiedlung nach Wien samt beruflicher Veränderung kaum bereit.
Doch anstatt diese Dilemmata weiter zu bearbeiten, verändert Menasse überraschend die Spielregeln, ja das Spielfeld. Statt um politische Ambitionen und persönliche Zukunft geht es plötzlich um Tod oder Leben. Oder besser gesagt, ums Herauszögern des Todes, der ihm nach einer vernichtenden Krebsdiagnose bereits für die nächste Zeit vorausgesagt wird. Franz Fiala hat mit einem Mal nur noch einen Ehrgeiz: seiner geliebten Mutter den Schmerz zu ersparen, ihren Sohn sterben zu sehen. "Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung."
Mutter-Sohn-Geschichte von schmerzhafter Intensität
Man muss nicht der Meinung sein, dass das, was Menasse in der Folge an einer Mischung aus Tragödie und Pallawatsch ausbreitet, von so hoher Wichtigkeit wäre, dass es unbedingt erzählt werden musste. Man darf bedauern, dass der glühende Europäer und scharfe Kritiker gegenwärtiger EU-Verfasstheit Robert Menasse mittendrin das Hauptthema wechselt und die zunächst angerissene Problematik einfach fallenlässt. Und man kann darüber diskutieren, ob für diese 150 Seiten, in denen Motive aus Franz Werfels Novelle "Der Tod des Kleinbürgers" (in der eine Figur ebenfalls Franz Fiala heißt) zu erkennen sind, wirklich die Gattungsbezeichnung Novelle zutreffend ist. Aber ohne Zweifel muss man zugeben, dass er seine mitunter verquer anmutende Mutter-Sohn-Geschichte mit Wendungen und Szenen zu Ende bringt, die eine bestürzende, ja schmerzhafte Intensität haben.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Robert Menasse: "Die Lebensentscheidung", Suhrkamp Verlag, 158 Seiten, 22,60 Euro, Lesungen am 24. Februar im Literaturhaus Graz, am 25. in der Buchhandlung Herder in Wien und am 26. Februar im Literaturhaus Linz)
Zusammenfassung
- Robert Menasses neue Novelle 'Die Lebensentscheidung' erscheint am 26. Februar 2024 und erzählt die Geschichte des 58-jährigen EU-Beamten Franz Fiala, der nach dem Rückzug vom Green Deal und massiven Bauernprotesten vorzeitig in den Ruhestand tritt.
- Nach einer vernichtenden Krebsdiagnose verschiebt sich der Fokus des 158 Seiten starken Buches auf Fialas Bemühen, seiner 89-jährigen Mutter den Schmerz seines eigenen Todes zu ersparen.
- Die Novelle wird am 24., 25. und 26. Februar 2024 in Graz, Wien und Linz präsentiert und thematisiert Enttäuschung über politische Prozesse sowie existenzielle Fragen von Leben und Tod.
