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"Nebenan": Brühls Debüt auf Kehlmanns Basis

02. März 2021 · Lesedauer 2 min

Wenn Schauspieler hinter die Kamera wechseln, kann sich so mancher einen spöttischen Kommentar nicht verkneifen. Ach, der macht jetzt auch Regie? Ja, der macht jetzt auch Regie. Daniel Brühl gehört zu den renommiertesten Schauspielern Deutschlands und wechselt nun erstmals auch auf den Regiesessel. Sein Debüt heißt "Nebenan", basiert auf einem Drehbuch des deutsch-österreichischen Starautors Daniel Kehlmann und läuft im Wettbewerb der Onlineausgabe der Berlinale 2021.

Sein psychologischer Thriller erzählt von zwei Männern, die in einer Berliner Eckkneipe aufeinandertreffen. Einer der beiden ist Schauspieler Daniel - ein arroganter Fatzke, der sich wenig für seine Mitmenschen interessiert, aber viel für deren Bewunderung. Es bringt eine nette Selbstironie mit sich, dass Daniel Brühl die Rolle selbst spielt.

Seine Figur will zu einem Casting nach London aufbrechen und macht vorher noch einen Abstecher ins Beisl. An der Theke sitzt Stammgast Bruno - gespielt wird der von Peter Kurth ("Babylon Berlin"), mit beigefarbener Hose und schlecht sitzendem Hemd.

"Kann ich ein Autogramm haben?", fragt Bruno trocken. Als Daniel auf einer Serviette unterschreibt, wischt sich Bruno damit den Mund ab. In den nächsten eineinhalb Stunden wird er nicht nur Daniels Arbeit demontieren ("Naja, Sie machen das auch nicht gut"), sondern auch dessen Leben. Mehr sei an der Stelle nicht verraten - aber man ahnt bald, was noch kommen wird.

Die Idee zum Film stammt von Brühl selbst, das Drehbuch von Kehlmann ("Die Vermessung der Welt"). Die zwei haben sich schon vor einiger Zeit kennengelernt. Herausgekommen ist nun ein interessantes Kammerspiel, das sich mit wichtigen Themen auseinandersetzt. Es geht um handfeste Lebenslügen, um noch immer schwelende Konflikte zwischen Ost- und West-Deutschen, um das Rollenverständnis von Mann und Frau.

Brühl zeigt als Regisseur ein Gefühl für Erzählrhythmus, für die Wichtigkeit von Pausen und genaue Schauspielführung. Ziemlich authentisch wirkt etwa die Kneipenwirtin, gespielt von Rike Eckermann. Brühl verzichtet auf Extravaganzen - das ist optisch manchmal eher solide, aber manche Szenen funktionieren perfekt.

Das gilt zum Beispiel für solche Momentaufnahmen, die wie nebenbei die Hohlheit des Schauspielers Daniel entlarven. Etwa wenn er vorgibt, er liebe die Kneipe - und dann stellt sich heraus, dass er weder die bekannte Sülze noch den Namen der Wirtin kennt.

Szenen wie diese reflektieren den Alltag der Stadt Berlin, erzählen von Verdrängung, Gentrifizierung, vom Neben- statt Miteinander vieler Menschen. Kehlmanns manchmal schwergewichtige Gedanken bekommen so eine schöne Leichtigkeit.

Quelle: Agenturen