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Müdes "Zwiegespräch": Handke-Uraufführung im Akademietheater

09. Dez. 2022 · Lesedauer 3 min

Wie bringt man einen Text auf die Bühne, in dem dialoghaft Erinnerungen ausgetauscht werden, über frühe Theater- und Kinoerlebnisse schwadroniert und das "Großvatertum im Allgemeinen" philosophiert wird, ohne konkrete Anhaltspunkte für Personen, Schauplatz oder Handlung zu liefern? Rieke Süßkow entschied sich im Akademietheater für ein geriatrisches Anstaltsambiente voller Künstlichkeit und machte Handkes "Zwiegespräch" zu Endspiel und Abgesang gleichermaßen.

Die gestrige Uraufführung war mit Spannung erwartet worden und ließ doch 100 Minuten lang ziemlich ratlos. Die 32-jährige Regisseurin, soeben für ihre Schauspielhaus-Uraufführung von "Oxytocin Baby" mit einem Nachwuchs-Nestroy ausgezeichnet, hat den Text des 80-jährigen Dichters einerseits über die Generationenfrage interpretiert, andererseits auf mehr als zwei Personen aufgeteilt.

Handke hat den Text den beiden verstorbenen und ihm einst verbundenen Schauspielern Otto Sander (1941-2013) und Bruno Ganz (1941-2019) gewidmet. Im Akademietheater sind Hans Dieter Knebel, Martin Schwab und Branko Samarovski gemeinsam mit einem Statisten und einer Statistin Insassen in einem seltsamen Pflegeheim und werden mittels mehrerer Runden des Spiels "Reise nach Jerusalem" dezimiert. Den deutlich größten Anteil des Textes hat Schwab im Verein mit Souffleuse Berngard Knoll, aber auch Elisa Plüss und Maresi Riegner haben als Protagonistinnen einer recht umfangreichen Mannschaft an Pflegerinnen und Pflegern einigen Text erhalten.

Neben den fünf Schauspielern verzeichnet das Programmheft 20 weitere Mitwirkende (einen kleinen Buben, der mit der Taschenlampe durch die Szenerie irrlichtert, inklusive). Das wäre nicht nötig gewesen, denn schon das vorgebliche Zwiegespräch ist in Wahrheit nichts anderes als ein Selbstgespräch und kein echte Konfrontation unterschiedlicher Positionen. Textlich geht das Spiel Enkelinnen gegen Großväter und Pfleger gegen Patienten daher jeweils torlos aus, da gar kein Ball im Spiel ist (von einem roten Pingpongball abgesehen, den Knebel zweimal aufspringen lässt, ehe beides - Ball und Ballspieler - weggesperrt wird).

Zu schauen gibt es freilich viel. Bühnenbildnerin Mirjam Stängl bringt hinter einem schmalen, den Zuschauern recht weit entrückten Bühnenstreifen eine Ziehharmoniker-Wand in Stellung. Irritierendes, giftiges Licht in mehreren Farben verleiht den Szenen Künstlichkeit, die durch Mikrofone noch verstärkt wird. Multifunktionsmöbel dienen als Aufbewahrungsorte und Magazine für rätselhafte Verrichtungen, bei denen Graburnen wichtige Rollen zu spielen scheinen. Das Unheimliche, das sich hier hinter den Rücken der Anstaltsinsassen zusammenbraut, kontrastiert mitunter grotesk mit dem nachdenklichen, betulichen, aber doch rührend aufrichtig wirkenden Text. Pure Absicht, möchte man meinen. Doch was wird damit bezweckt?

Gegen Ende bleibt Schwab übrig, er hat seine Mitinsassen ausgesessen. In einer Szene, die an das Letzte Abendmahl ebenso wie an Jedermanns Tischgesellschaft erinnert, wird er zunächst aufgebahrt, rappelt sich jedoch wieder hoch: "Wir haben kein Recht auf Ruhe." Stattdessen erstarren nun die Jungen und werden von den fünf Oldies des Anfangs wie Schaufensterpuppen arrangiert, ehe sie nach hinten ihren Abgang machen. Von dort sind nämlich Party-Geräusche zu hören. Vielleicht ist hinter den Kulissen ja mehr los als auf der Bühne. Soll bekanntlich immer öfter vorkommen.

(S E R V I C E - Peter Handke: "Zwiegespräch", Regie: Rieke Süßkow, Bühne: Mirjam Stängl, Kostüme: Marlen Duken. Mit Martin Schwab, Branko Samarovski, Elisa Plüss, Maresi Riegner, Hans Dieter Knebel. Uraufführung am Akademietheater, Weitere Aufführungen am 10., 17. und 25. Dezember. www.burgtheater.at )

Quelle: Agenturen