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"Monster und Margarete" rückt "Maultasch"-Bild zurecht

19. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Das Theaterstück "Monster und Margarete" von Thoma Arzt hat Donnerstagabend bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs seine Uraufführung und Premiere gefeiert. Das Stück, das um die vermeintlich hässliche Herzogin Margarete von Tirol und deren verfälschte geschichtliche Rezeption kreiste, schöpfte auf einer Bühne, die dem Tiroler Adler nachempfunden war, aus dem Vollen und nützte jedes noch so brachiale Mittel, um das Bild der "Maultasch" zurechtzurücken.

Denn, so die historisch stützbare These des Auftragsstücks für die Tiroler Volksschauspiele, Margarete war gar nicht hässlich, wie es der ihr umgehängte Name "Maultasch" und zahlreiche Gemälde suggerieren, sondern für eine Frau im 14. Jahrhundert sogar überaus emanzipiert und selbstbestimmt. Diese These gab auch die Steilvorlage für ein etwas zu ambitioniertes Theaterwerk in der Regie von Susanne Lietzow.

In knapp drei Stunden erzählte dieses die tragische Geschichte von Margarete von Tirol. Sie entledigte sich, sehr zum Missfallen des Papstes und der Kirche insgesamt, ihres ersten Mannes Johann, überzeugend verkörpert von Jakob Egger, und suchte sich, fast schon als feministischer Akt dargestellt, den zweiten Ehemann Ludwig, dargestellt von Alexander Julian Meile, ganz nach ihrer Vorstellung. Auch als Kriegsherrin und Tirol-Verteidigerin feierte sie in einer strikt patriarchalen Welt beachtliche Erfolge. Der Tod von zwei ihrer Kinder gab dazu den durchgängig eher dunklen Unterton.

Dunkel dazu war auch die Musik von "Monster und Margarete", für die der Klangkünstler, Komponist und Sänger Gilbert Handler verantwortlich war. Elektronische Sound-Fragmente trafen im Trio-Setting etwa auf verfremdete Gitarren, Trompeten und sonstige Instrumente, gemeinsam mit einem Frauenchor wagte man sich zudem an die avantgardistische Bearbeitung von Tiroler Volksliedern.

Ebenjener Chor brachte die meisten Gänsehautmomente. Als Handler dann zusätzlich selbst zum Mikrofon griff, den Tod des erstes Kindes besang und von Grabesstimme ins Falsett überging, erreichte das Stück seinen emotionalen Höhepunkt. Um diese Intensität zu halten oder gar zu steigern, hätte dem Werk aber die eine oder andere Kürzung gut getan. Die Geschichte um Meinhard, dem Sohn von Margarete, gespielt von Elias Häusler, die vor allem den zweiten Teil des Abends prägte, erschloss sich nur unzureichend und wirkte mit seinen Gegenwartsbezügen inklusive hämmernden Techno-Beats etwas zu bemüht.

An Überlänge und Überfrachtung krankte auch letzten Endes das gesamte Stück. Dem Text von Arzt und der Regie von Lietzow war im Endeffekt jede Möglichkeit recht, um ein gänzlich neues Margarete-Bild zu zeichnen. Der gesamte Klerus wurde dazu übel karikiert, die Männerwelt hatte überwiegend mittelgroße bis schwerwiegende psychische Probleme und die Herrschafts-Machtspiele waren an Lächerlichkeit und Testosteronhaltigkeit kaum zu überbieten.

Inmitten dieser Irrungen und Wirrungen der Geschichte stand Margarete, die, grandios von Lisa Schrammel gespielt, ihre Frau stand und mal als belesener Feministinnen-Archetyp dastand, mal als emotionale Herrscherin mit wutverzerrter Fratze. Ob man damit der "wahren" Margarete näher kam als die in Tirol zum Teil noch vorherrschenden Geschichtsverzerrungen, blieb fraglich.

Applaus gab es dennoch, vor allem für die "Margarete" und ihre beiden Ehemänner. Auch die Regisseurin, der Autor des Stücks und der Musikverantwortliche des Abends durften sich lauten Applaus abholen und schließlich zusammen mit der gesamten Mannschaft unter Stehovationen die Bühne und den Raum der Telfer Kuppelarena verlassen.

(S E R V I C E: "Monster und Margarete" von Thomas Arzt. Regie: Susanne Lietzow. Bühnenbild: Aurel Lenfert. Kostüme: Mirjam Ruschka. Musik: Gilbert Handler. Mit: Lisa Schrammel (Margarete), Jakob Egger (Johann, erster Ehemann), Marcus Off (Karl, ihr Schwager, späterer Kaiser), Alexander Julian Meile (Ludwig, zweiter Ehemann) Alexander Mitterer (Kaiser, ihr Schwiegervater), Heinz Weixelbraun (Papst, ihr Erzfeind), Helmuth A. Häusler (Hauptmann, ihr Vertrauter), Klaus Huhle (Rudolf Habsburg, ihr Erbe), Susi Wirth (Lumpenfrau und die Puppe, ihr Zerrbild), Daniel Klausner (Der Knecht, das Volk, Stimmführer), Elias Häusler (Meinhard, ihr Sohn), Annika Gruber, Emma Haller (Margarete als Kind), Laurin Gabriel, Livio Rabatscher (Johann als Kind), Gilbert Handler (Der singende Teufel), Frauenchor (Die Fliegen, Des Teufels Chor). Weitere Vorstellungen am 20., 21. (18.00 Uhr), 23., 24., 25., 26., 27. und 28. (18.00 Uhr) ,30., 31. August um 20.00 Uhr und 1., 2., 3. September (20.00 Uhr) und 4. September (18.00 Uhr). https://www.volksschauspiele.at/)

Quelle: Agenturen