"Luisa Miller" an der Staatsoper: Ein quietschbuntes Drama
Vom Stoff her ist die tragische Oper, die auf Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" basiert, noch immer zugänglich. Ein Drama über zwei Verliebte aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die dem Gerangel der älteren Generation zum Opfer fallen. Seinerzeit schon hatte das Stück durchaus moderne Züge. Denn im Hause Miller hält der Vater zwar wenig von Rodolfo, Luisas Schwarm, will der Lebensplanung der Tochter aber nicht im Weg stehen. Nur Rodolfos insgeheim adeliger Familie ist das fatalerweise ein Dorn im Auge.
Grigorian versucht nun, das romantische Musiktheater inszenatorisch in die Moderne zu holen. So erzählt der Vater die Geschichte etwa in einer Wiener Tramstation, die über die gesamte Laufzeit am Rand der Bühne aufgebaut ist. Aus dem Grafen Walter und seinen Schergen sind nun Schnösel aus der Upper Class geworden, und die Millers arbeiten in einer kunterbunten Fabrik. Die italienischen Arien bleiben aber ganz traditionell ausgeführt - und bilden dank des rundum überzeugenden Ensembles das Highlight der Abends.
Dabei sticht nicht nur die US-amerikanische Sopranistin Nadine Sierra heraus, die in der Hauptrolle mit starkem Stimmklang singt. Auch das restliche Ensemble liefert souveräne Leistungen, egal ob Roberto Tagliavini als der böse Graf Walter oder Freddie De Tommaso als der Geliebte. Dass George Petean als Vater Miller in Duetten manchmal nicht mit der Lautstärke von Bühnentochter Sierra mithält, fällt daher wenig ins Gewicht. Auch der Chor schafft es unter der musikalischen Gesamtleitung von Michele Mariotti, den Raum während besonders dramatischer Passagen mit Imposanz auszufüllen. Aus dem Wiener Staatsballett untermalen mehrere Ballerinas die Geschichte außerdem mit gekonnten Tanzvorführungen.
Genre verfehlt?
Trotzdem herrschte spätestens während der Pause spürbare Verwirrung im Saal. Das ist wohl dem Gesamtkonzept geschuldet. Wie ein riesiges Puppenhaus zeigt sich das Bühnenbild, für dessen Gestaltung der Regisseur selbst verantwortlich zeichnet. Das dürfte Geschmackssache sein - weniger wohlgesinnt könnte man die Ästhetik mit einem Barbie-Katalog vergleichen. Der Eindruck verstärkt sich durch die Kostüme, meistens aus einer oder zwei knalligen Farben bestehend, etwa rosarote Blazer, grellblaue Geschäftsanzüge oder glatte Plastikrüstungen wie aus einem alten Sci-Fi-Schinken. Die Ballerinas, die die Geschichte begleiten, wirken wiederum wie Märchenfeen. Und in der heilen Welt der Millers sieht es wie in einer Fast-Food-Werbung aus.
Einzelne Elemente mögen zwar Wirkung haben. Marko Mimica funktioniert beispielsweise als schmieriger Sekretär, und ein Running Gag mit Plüschtier überrascht zumindest beim ersten Mal. Nur ist "Luisa Miller" so kaum noch als Drama wahrzunehmen. Spätestens im finalen dritten Akt will die Tragödie mit den ulkigen Kulissen und visuellen Gags nicht zusammenpassen. Zumal untergräbt die bunte Ausgestaltung eine zuvor durch die Inszenatoren angedeutete Gesellschaftskritik. Dafür wirkt die Aufführung nun zu selbstironisch. Am Ende des Abends, nach dem ausgiebigen Applaus für den Cast, musste schließlich Regisseur Grigorian entsprechend eine Welle an Buhrufen einstecken.
(Von Klaus Kainz/APA)
(S E R V I C E - "Luisa Miller" von Giuseppe Verdi an der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien. Musikalische Leitung: Michele Mariotti, Regie/Bühne: Philipp Grigorian, Kostüme: Vlada Pomirkovanaya, Licht: Franck Evin. Mit Graf von Walter - Roberto Tagliavini, Rodolfo - Freddie De Tommaso, Federica - Daria Sushkova, Wurm - Marko Mimica, Miller - George Petean, Luisa - Nadine Sierra, Laura - Teresa Sales Rebordão, Ein Bauer - Adrian Autard. Weitere Aufführungen am 16., 20., 23. und 26. Februar sowie am 1. März. www.wiener-staatsoper.at/kalender/detail/luisa-miller/2026-02-07/ )
Zusammenfassung
- Nach über 30 Jahren kehrte Verdis Oper 'Luisa Miller' am Samstagabend in einer modernen Inszenierung von Philipp Grigorian an die Wiener Staatsoper zurück.
- Das quietschbunte Bühnenbild mit Wiener Tramstation und auffälligen Kostümen sorgte bei Publikum und Kritik für gemischte Gefühle und Verwirrung, sodass Regisseur Grigorian nach der Aufführung Buhrufe erhielt.
- Musikalisch überzeugte das Ensemble unter Leitung von Michele Mariotti, besonders Nadine Sierra als Luisa, wobei weitere Aufführungen am 16., 20., 23. und 26. Februar sowie am 1. März stattfinden.
