"L'opera seria": Heiteres Bühnenchaos im Theater an der Wien
Ursprünglich prangerte die Parodie mit dem Libretto des Italieners Ranieri de' Calzabigi Operngattungen des 18. Jahrhunderts an, speziell die gleichnamige Opera seria. Kenntnisse barocker Musikgeschichte verlangt die Neuauflage im Theater an der Wien vom Publikum aber nicht ab. Denn Regisseur Pelly und Dramaturg Kai Weßler heben in der Koproduktion mit der Scala, die in Mailand bereits im vergangenen Jahr zu sehen war, gekonnt zeitlose Motive hervor - knausrige Geldgeber, Starallüren und künstlerische Differenzen. Über drei Akte zeigt sich die Entstehung eines fiktiven Stücks von der Konzeptfindung bis zur Aufführung einer Oper voller Pannen.
Komponist Sospiro (Petr Nekoranec) und Dichter Delirio (Roberto de Candia) wollen ein neues Opernmeisterwerk auf den Weg bringen. Nur sieht der Impresario Fallito (Pietro Spagnoli) Probleme beim Budget und will Inhalte streichen - und mit den Metaphern sollen sich die Liedermacher lieber auch zurückhalten. Dabei wollen ebenso die vier Hauptdarsteller ein Wörtchen mitreden und die Oper ganz nach ihren Vorstellungen umwandeln. Am Ende fällt ihnen dafür wortwörtlich die Bühne auf den Kopf.
Wirklich zusammen kommt das Konzept spätestens ab dem zweiten Akt. Während der Proben versuchen sich nämlich die Primadonna (Julie Fuchs) ebenso wie die Co-Sängerinnen (Andrea Carroll und Serena Gamberoni) sowie der Sängerbursche (Josh Lovell) im Gesang zu übertrumpfen. Dadurch stellen die "echten" Darsteller hier nicht nur ihre Stimmen unter Beweis, sondern auch ihre komödiantische Mimik, wenn es beim Text hakt oder das Timing nicht passt. Alle vier geben gekonnt die eingebildeten Opernstars und liefern so die stärksten Darstellungen des Abends.
Thematisch unterstreichen Pellys pseudo-barocke Kostüme passend die schnöseligen Attitüden der Schauspieler mit Pudergesichtern und -perücken. Manchmal gibt es moderne Requisiten wie Plüschtierchen, aber das Stück verfängt sich nie in seichten Referenz-Witzen wie andere moderne Opern-Neufassungen. Das Stück setzt vielmehr auf die Ausdrucksfähigkeit des Ensembles und visuelle Gags, die sich natürlich ins Konzept einfügen - etwa ein übergroßes Kämpferkostüm beim finalen Schauspiel.
Bühnenchaos mit kleinen Längen
Was mit heiteren Arien seinen Anfang nimmt, endet mehrfach im Bühnenchaos. Mit flotten Chorgesängen und einem energiegeladenen Orchester unter der Leitung von Christophe Rousset gehen sich die Liedermacher und Bühnenstars nämlich immer wieder an den Kragen. Dazwischen ergänzen ulkige Tanz-Performances den Klamauk. Aber so viel Schwung diese Backstage-Eskalationen erzeugen, sind dennoch die rund dreieinhalb Stunden Spielzeit (inklusive zwei Pausen) stellenweise spürbar.
Zum einen drückt das Bühnenbild gelegentlich auf die Dynamik. Eigentlich ist das Konzept von Massimo Troncanetti in sich absolut stimmig und erzeugt durch ausgebleichte Farben und Schwarz-Weiß-Kontraste ein skizzenbuchartiges Gesamtbild. Auf Dauer haben die oft statischen Kulissen aber etwas von einer kargen Geisterstunde. Gemessen am satirischen Ton wäre es im Finale der fiktiven Aufführung durchaus passend gewesen, die Bühne pompös und bewusst kitschig zu gestalten.
Das Konzept war zudem wohl nicht einfach zu vermitteln. Besonders zu Beginn gibt es lange Passagen mit mühsamen Sprechgesängen, die Kontexte und Handlung erklären. Schon seinerzeit dürften die teils langen Arien zu den Kritikpunkten gehört haben. Das war wohl Teil des parodistischen Konzepts, ändert aber nichts daran, dass "L'opera seria" - trotz viel Energie auf der Bühne - zwischen den Höhepunkten auch Geduld abverlangt.
(Von Klaus Kainz/APA)
(S E R V I C E - "L'opera seria" in drei Akten von Florian Leopold Gassmann im MusikTheater an der Wien. Koproduktion mit dem Teatro alla Scala Mailand. Regie und Kostüme: Laurent Pelly. Musikalische Leitung: Christophe Rousset. Bühne: Massimo Troncanetti. Dramaturgie: Kai Weßler. Choreografie: Lionel Hoche. Mit: Pietro Spagnoli (Fallito), Roberto de Candia (Delirio), Petr Nekoranec (Sospiro), Josh Lovell (Ritornello), Julie Fuchs (Stonatrilla), Andrea Carroll (Smorfiosa), Serena Gamberoni (Porporina). Weitere Vorführungen: 2., 4., 7., 9., 11. März - www.theater-wien.at)
Zusammenfassung
- Nach über 250 Jahren wurde Florian Leopold Gassmanns Oper 'L'opera seria' erstmals seit 1769 wieder in Wien aufgeführt und verbindet barocke Satire mit modernen Showbusiness-Themen.
- Die rund dreieinhalb Stunden lange Koproduktion mit der Mailänder Scala unter Leitung von Christophe Rousset überzeugt mit energiegeladenen Chören, komödiantischem Ensemble und visuellem Bühnenchaos, fordert aber auch Geduld durch einige Längen.
- Regisseur Laurent Pelly setzt auf pseudo-barocke Kostüme, skizzenhafte Bühnenbilder und zeitlose Motive wie Geldsorgen, Starallüren und künstlerische Konflikte, wodurch die Parodie überraschend aktuell wirkt.
