APA - Austria Presse Agentur

Lesereigen beim großteils digitalen Bachmann-Preis begonnen

18. Juni 2020 · Lesedauer 4 min

"Verletzte Frauen konnte Ben nicht ertragen. Sie erinnerten ihn an seine Mutter. Deshalb brachte er verletzte Frauen dazu, ihn zu verlassen." Das waren am Donnerstagvormittag die ersten Sätze im Wettlesen um den diesjährigen Bachmann-Preis. Mit einem Auszug aus ihrem Roman "Ü" hat die 1974 geborene Hamburgerin Jasmin Ramadan den Lesereigen der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet.

"Verletzte Frauen konnte Ben nicht ertragen. Sie erinnerten ihn an seine Mutter. Deshalb brachte er verletzte Frauen dazu, ihn zu verlassen." Das waren am Donnerstagvormittag die ersten Sätze im Wettlesen um den diesjährigen Bachmann-Preis. Mit einem Auszug aus ihrem Roman "Ü" hat die 1974 geborene Hamburgerin Jasmin Ramadan den Lesereigen der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet.

Coronabedingt findet die traditionsreiche Veranstaltung heuer vorwiegend digital statt. Die Lesungen der 14 Autorinnen und Autoren wurden vorab aufgenommen und werden zu den gestern ausgelosten Zeiten eingespielt. Die Jury-Diskussionen finden daran anschließend jeweils live statt, allerdings nicht im ORF-Theater in Klagenfurt, sondern per Liveschaltung aus Berlin, Zürich, Wien, Graz und Bamberg.

Das funktionierte gleich prächtig und eröffnete mit einigen erregten Wortgefechten zwischen Klaus Kastberger und dem neuen Juror Philipp Tingler gleich eine neue Front in der Jury, die noch viel Unterhaltungswert verspricht. Die Autoren sind dabei zugeschaltet und können sich an der Diskussion beteiligen, was schon von der ersten Teilnehmerin genutzt wurde. 3sat überträgt wie jedes Jahr die Lesungen und Diskussionen sowie die Preisverleihung live, der Bewerb wird auch im Internet gestreamt.

Im Mittelpunkt von Ramadans Auftakt-Text steht der Werbefilmregisseur Ben Kubik, einerseits ein geschäftlich wie künstlerisch erfolgreicher, gut verdienender Mann, andererseits unter schweren psychischen Störungen leidend, die auch seine Ehe mit der Autorin Leila zerstört haben. Ein zweites Kapitel dreht Bens Geschichte weiter in Richtung seiner früheren Freundin Marlene und schließt mit einem seltsamen Erlebnis der Frau in einem Bus: Ein neben ihr sitzender weiblicher Fahrgast erleidet eine Panikattacke und kann nicht Platz machen, als Marlene aussteigen möchte. Das Motto ist Adorno entlehnt: "Es gibt keinen richtigen Mann im falschen."

"Ein famoser Beitrag", urteilte der neue Juror Philipp Tingler zu Beginn der Jury-Diskussion - bei der nicht nur alle Juroren, sondern auch der jeweilige Autor am Screen eingeblendet ist - über den von ihm eingeladenen Text, der "den Geist der Zeit" mit einem "Ton von großer lakonischer Eleganz" darstelle. Insa Wilke entdeckte darin eine "Parodie des Geschlechterkampfes", Klaus Kastberger fand ihn - immer wieder unterbrochen von Tingler ("Ich quake immer dazwischen, das ist so meine Art") - "recht simpel und mechanistisch". Mit Hubert Winkels, der den Text "sehr wenig durchdacht" und "grotesk falsch" nannte ("Er funktioniert in der Erzählstrategie nicht.") lieferte sich Tingler gleich die erste heftige Debatte.

"Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere" heißt der Text, den die 1990 geborene deutsche Autorin und Journalistin Lisa Krusche vorlas, und der eine junge Frau in einer offenbar nahen, dystopischen Zukunft zeigt: Protagonistin Judith lebt in einem Hochhaus an der Seite eines Robohundes, den sie ebenso wie eine Pistole bei einer Dealerin besorgt hat, und vertreibt sich ihre Zeit mit dem Spielen von Online-Gemeinschaftsspielen, in denen etwa ein ständig Gedichte vortragendes Pferd vorkommt. Mit ihrer Freundin Camille, die irgendwo an Symbionten und Avataren arbeitet, steht sie nur noch in Mail-Kontakt.

Wilke zeigte sich "beeindruckt vom Mut zum Politischen, vom Mut zum Gefühl", den Krusche in aller Komplexität und Widersprüchlichkeit in eine Science-Fiction-Welt eingebaut habe. Michael Wiederstein sah das reale Computerspiel "The Last of Us" als Vorbild, doch "es ist verdammt schwierig, ein Computergame zu erzählen". Ganz und gar nicht angesprochen fühlte sich Tingler, der "scheinbar intensive, doch oberflächliche Bilder" ortete und die Frage stellte: "Worum geht's hier eigentlich?".

Nach Konstanza in Rumänien und auf die Spuren des Grabs von Ovid führt die Reise dreier Männer in der Erzählung "Über uns, Luzifer", die der deutsche Autor Leonhard Hieronymi vorlas. Vor der heutigen Gegenwart des Landes gibt es viele Anspielungen auf die Geschichte, von Katharina II. bis Ceausescu, aber auch auf die erste EU-Ratspräsidentschaft Rumäniens. Und schließlich hat der Text gegen Ende auch noch Elemente einer Literaturbetriebssatire.

Insa Wilke ortete in dem Text "eine konservative Ästhetik" und "eine Leere", die hinter den vielen verwendeten Zeichen stehe. Tingler fand einen "dandyesken Anspruch, der nicht wirklich eingelöst wird", und ein "Fehlen jeder Ironie" (was von Wilke und Kastberger in Abrede gestellt wurde) sowie eine "nur mittelmäßige geistige Durchdringung". Winkels zeigte sich angesichts dieses Textes "über behauptete und nicht eingelöste kulturelle Größe" recht ratlos.

Als gelungene Novität bei der publikumslosen Abwicklung der Veranstaltung erwiesen sich Doppelconferencen zwischen Moderator Christian Ankowitsch und dem Justitiar Andreas Sourij, der an einem Schreibtisch nicht nur am Mittwoch die reibungslose Abwicklung der Auslosung überwachte, sondern zwischen den Lesungen auch Social-Media-Kommentare vorliest. Etwa: "Das Wettschwimmen im Wörther See wird virtuell wohl nicht stattfinden können..." Eine weitere Neuerung sind die beiden Kommentatoren Julya Rabinowich und Heinz Sichrovsky, die im verwaisten Garten das Programm in der Mittagspause bestreiten werden.

Quelle: Agenturen