APA/Franzi Kreis

Leiterin Corinne Eckenstein verlässt 2023 den Dschungel Wien

06. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Seit 2016 leitet Corinne Eckenstein den Dschungel Wien, das im Museumsquartier angesiedelte Theaterhaus für junges Publikum. Ihr Vertrag läuft Ende Juni 2023 aus. Bei der neuen Ausschreibung der künstlerischen Leitung hat sie sich nicht beworben. Das sagt sie im Interview mit der APA, in dem sie sich unzufrieden mit der Transparenz in kulturpolitischen Entscheidungsfindungen zeigt und für Jugendliche ab 14 Jahren ein eigenes Theaterhaus fordert: "Wenn etwas fehlt, dann das!"

Zuletzt sei sie dreimal um je ein Jahr verlängert worden, sagt Eckenstein - ein unüblich kurzer Zeitraum, wie nicht nur sie meint. Die neue Ausschreibung umfasst einen Zeitraum von vier Jahren. Sie selbst wird sich aber neu orientieren. "Es ist Zeit für etwas Neues", sagt die 1963 in Basel geborene Regisseurin, Choreografin, Autorin und Schauspielerin, die seit 1990 in Wien lebt, 1995 mit der Autorin und Regisseurin Lilly Axster die freie Gruppe TheaterFOXFIRE gründete und seit 2004 am Dschungel Wien arbeitet. "Ich betreue keinen Tag in diesen dann 19 Jahren!"

Zuvor wird sie jedoch noch laufende EU-Projekte abschließen. "Das Programm Connect-Up wurde coronabedingt um ein Jahr verlängert. Da spiele ich eine große Rolle, da wird unsere Arbeit als 'best practice' gesehen." Mit 13 Partnern in neun Ländern behandelt man dabei Themen wie Diversität und soziale Ungleichheit. Diese Projekte wird sie auch noch unter der neuen Leitung zu Ende bringen und im Oktober 2023 mit einem Festival abschließen können.

Sie könne durchaus auf eine Erfolgsbilanz zurückblicken, meint Eckenstein. Zum Start ihrer Intendanz habe die Auslastung bei 72 Prozent gelegen, der Saisonstart 2019/20 habe einen Reservierungsstand von einzigartigen 92 Prozent gebracht, ehe der erste Lockdown kam. Am Ende landete man bei 87 Prozent, in der Saison 2020/21 bei 88 Prozent. Ähnlich halte man in der laufenden Saison, in der sich das Publikum nach den vielen Corona-Beschränkungen als "richtig ausgehungert" erweise. "Die Vorstellungen werden gestürmt. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir in den ganzen zwei Jahren - mit Ausnahme eines Schweizer Gastspiels - keine einzige Vorstellung komplett absagen mussten", meint Eckenstein. Auch bei der Akquirierung von Drittmitteln (2019: 181.000 Euro, 2020 wegen Corona nur etwas mehr als die Hälfte) sei man erfolgreich gewesen. 35 Prozent des Budgets werden durch Kartenerlöse aufgebracht.

Die deutlich größere Internationalität und Festivals wie der Nachwuchswettbewerb "Try Out!" und das SKIN Performance Festival für junge Erwachsene sind Hinterlassenschaften, die sich sehen lassen könnten, ist die scheidende Leiterin sicher. "Ich habe das Gefühl, ich habe das Haus auf ein Niveau gebracht, auf dem man es sehr gut übernehmen kann." Dazu zähle auch ein Umbau, der dem Haus ein neues Gesicht verliehen habe. Heute gebe es eine Vielzahl von freien Gruppen im Bereich Tanz und Performance, die sich auch dank der Förderung durch den Dschungel Wien etabliert haben, auch bei der thematischen Auseinandersetzung mit der Gegenwartsgesellschaft habe man sich als relevantes Haus positioniert: "Wir sind sehr nahe dran am Geschehen."

Gerade deshalb seien die vergangenen zwei Jahre mit neuen und immer gravierender werdenden alten Themen herausfordernd gewesen. "Wir sind natürlich keine Therapiestelle, aber ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit ihren persönlichen Anliegen und Sorgen wahrgenommen und gehört werden. Diversität, Rassismus, Körperbilder, Queerness, Geschlechteridentität - all' das hat sich in der Pandemie noch verstärkt. Den jungen Leuten ist zwei Jahre lang kaum ein Sozialleben zugestanden worden."

Dort setzt auch der einzige Wunsch an, den Eckenstein der Wiener Kulturpolitik hinterlassen möchte: "Jugendliche bräuchten ein eigenes Haus, mit dem sie sich identifizieren können, wo sie eigenständig agieren können und nicht bevormundet werden." Im Dschungel Wien, wo das jüngste Publikum im Vorschulalter ist, wird der Spagat zwischen den Altersgruppen mitunter ziemlich anstrengend. Dass man mit 14 selbst aktiv werden möchte und bereit ist, auch Verantwortung zu übernehmen, weiß Eckenstein aus eigener Erfahrung. "Ich habe meine erste Gruppe mit 14 gegründet. Was ich damals konnte, können die auch."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - https://www.dschungelwien.at/)

Quelle: Agenturen