Kiewer Chefdirigent Mykola Diadiura: "Musik ist meine Waffe"

08. März 2022 · Lesedauer 3 min

"Auch in meiner Muttersprache könnte ich meinen Gefühlen zu der aktuellen Situation keinen Ausdruck verleihen", ringt der Chefdirigent und Musikdirektor der Ukrainischen Nationaloper in Kiew, Mykola Diadiura, um Worte. Von der russischen Invasion seiner Heimat wurde er bei einem Gastkonzert in Polen überrascht. Dort erreichte ihn die APA via Telefon. Am Sonntag dirigiert er im Festspielhaus St. Pölten ein Benefizkonzert zugunsten "Nachbar in Not - Hilfe für die Ukraine".

Im APA-Interview bedankt sich der 1961 geborene Diadiura ausdrücklich bei der Bevölkerung und der Regierung Polens: "Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um den Menschen der Ukraine zu helfen." Derzeit befinden sich laut UNHCR knapp 1,5 Millionen Menschen aus der Ukraine auf der Flucht. Für die Mehrheit davon, fast eine Million Flüchtlinge, ist Polen die erste Etappe.

Mit Freunden und Künstlern im ganzen Land hält der in seiner Heimat vielfach ausgezeichnete Dirigent engen Kontakt. Was er dabei zu hören bekommt, sei zutiefst deprimierend. "Es gibt kein kulturelles Leben mehr in der Ukraine. Alles hat geschlossen. Niemand kann arbeiten." Die Situation in Kiew selbst sei schrecklich, berichtet Diadiura. "Mitarbeiter der Oper leben derzeit im Keller des Hauses. Als ein altes Gebäude ist es sicherer als viele neue Bauten."

Diadiura selbst will auf seine Weise in den Krieg eingreifen: "Musik ist meine Waffe, und die will ich nützen. Wir sind vereint wie nie zuvor, und jeder wird sein Bestes geben, um den verbliebenen Menschen in der Ukraine zu helfen." Das NÖKU-Benefizkonzert in St. Pölten gestaltet er gemeinsam mit dem russischen Geiger Sergej Dogadin, Kammersänger Michael Schade, dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und dem Landestheater Niederösterreich. Ein weiteres Benefizkonzert ist nächste Woche in Polen geplant.

Zu dem Umstand, dass putinnahe Künstlerinnen und Künstler wie Anna Netrebko und Valery Gergiev im Westen nun überall ausgeladen werden, meint der musikalische Direktor der Oper in Kiew: "Ich bin kein Politiker. Ich bin Musiker. Ich finde aber die Position, die zum Beispiel Kirill Petrenko, der russische Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, einnimmt, sehr wichtig. Er zeigt Solidarität mit der Ukraine. Angesicht der vielen Toten in diesem Krieg ergibt die Position von Gergiev für mich keinen Sinn."

Verzweiflung sei für ihn keine Option, hält Mykola Diadiura fest: "Ich weiß nicht, wie lange der Krieg noch dauern wird, aber wir haben bereits gewonnen. Wir müssen an die Zukunft denken und daran, wie wir das Land wieder aufbauen können. Die Kultur wird beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle spielen."

(S E R V I C E - Benefizkonzert zugunsten von "Nachbar in Not - Hilfe für die Ukraine", Sonntag, 13. März, 18 Uhr im Festspielhaus St. Pölten. www.festspielhaus.at)

Quelle: Agenturen