APA/Susanne Hassler-Smith./ Burgtheater

"Keine Menschenseele" im Kasino: Digitale Untersterblichkeit

20. Mai 2022 · Lesedauer 5 min

Was passiert eigentlich, wenn wir nach unserem Tod als sprechender digitaler Klon für die Nachwelt erhalten bleiben? Dieser Frage widmet sich das Kollektiv Laokoon in "Keine Menschenseele" ab 24. Mai im Burgtheater-Kasino. Mit der APA sprach das Kollektiv aus Cosima Terrasse, Moritz Riesewieck und Hans Block über den Stand der Forschung, erste Experimente mit neuen Technologien und die Gefahren, die neue Möglichkeiten mit sich bringen könnten.

APA: Bei der Beschreibung Ihres Stücks "Keine Menschenseele" musste ich gleich an eine "Black Mirror"-Folge denken, in der eine Frau ihren verstorbenen Mann mittels Technologie wieder "auferstehen" lässt. Was war für Sie der Ausgangspunkt für Ihre neue Produktion?

Laokoon: Wir beschäftigen uns schon seit einigen Jahren mit der Frage, wie sich das Verhältnis des Menschen zum Tod im digitalen Zeitalter verändert. Wir bemerken - und das wird durch Studien gestützt -, dass sich Menschen zumindest im Westen von den Religionen abwenden. Nicht nur von den Kirchen und institutionalisierten Formen des Glaubens, sondern allgemein dem Glauben. Sie können sich immer weniger vorstellen, dass sie nach dem Tod zu Gott gelangen. Das sorgt allerdings für eine Leerstelle. Unser Verdacht war, dass die Menschen mit dieser Leerstelle gar nicht so gut leben können. Und überall wo eine Nachfrage entsteht, folgt auch ein Angebot.

APA: Welche Einblicke haben Sie in diesbezügliche Angebote gewonnen?

Laokoon: Wir haben durch vergangene Projekte ziemlich viel im Silicon Valley recherchiert und uns mit digitalen Medien beschäftigt. Dabei sind wir auf eine Industrie gestoßen, die massiv in eine Kombination verschiedener Technologien investiert, um eine Art "digitale Untersterblichkeit" zu erreichen. Wir hinterlassen täglich so viele Daten beim Surfen, Nachrichten-Verschicken oder auf Social Media. Diese Start Ups fragen sich, ob man aus diesen gebündelten Daten die Persönlichkeit eines Menschen eruieren könnte, um sie anschließend zu reproduzieren. Eine Künstliche Intelligenz könnte diese Persönlichkeit dann am Leben erhalten und in Kombination mit der Stimme des Verstorbenen weiter am Alltag der Hinterbliebenen teilnehmen.

APA: Und das funktioniert bereits?

Laokoon: Man kann die Stimme von Menschen ziemlich treffgenau reproduzieren, wenn man wenige Stunden Audio-Material als Vorlage hat. Die KI kann dann Dinge sagen, die dieser Mensch nie gesagt hat und vielleicht auch nie würde. Natürlich kann man nie wissen, ob diese Person das gesagt hätte. Aber Menschen, die trauern, hilft das über die entstandene Lücke hinweg.

Im Zuge unserer Recherchen hatten wir die Möglichkeit, die ersten Kunden zu treffen, die digitale Wiedergänger von Verstorbenen kennenlernen. Das Material, das so entstanden ist, hat uns zu diesem Stück inspiriert. Es ist natürlich eine Verdichtung und Fiktionalisierung.

APA: Wie wird das auf der Bühne umgesetzt?

Laokoon: Es wird vier Schauspieler*innen geben, aber nicht nur vier Stimmen. Eine dieser Stimmen stammt von einer in Wien und darüber hinaus sehr bekannten Person, die schon lange tot ist. Sie wird durch uns wieder zum Leben erweckt. Hier hat uns Michael Pucher von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sehr unterstützt, der zur Stimmsynthese mit österreichischem Idiom forscht. Und dann werden auch die Stimmen der Burgtheater-Doyens Elisabeth Ort und Michael Heltau zu hören sein. Dieser Theaterabend wird alles andere als ein trockener Vortrag über technische Möglichkeiten, sondern ein sehr sinnliches Theatererlebnis!

APA: Stammen die Texte von einer KI oder von Ihnen?

Laokoon: Teils, teils. Wir haben von der KI generierte Texte teils auch neu arrangiert. Auch arbeiten wir mit dem natürlichen Verfremdungseffekt, wenn eine Diktierfunktion Dinge falsch versteht. Wir experimentieren mit diesen Verschiebungen. Das ergibt eine Kunsthaftigkeit, die weder maschinell noch menschlich ist, sondern etwas dazwischen.

APA: Ein gefundenes Fressen für künftige "Fake News", oder?

Laokoon: Die Fake-Gefahr ist im Grunde der Kern des Stückes. Aber wir fragen uns auch, was das mit dem Trauern macht, wenn wir uns nicht mehr von geliebten Menschen verabschieden müssen. Sorgt das für pathologisches Trauern? Und was passiert, wenn die digitalen Untoten einfordern, sie nicht abzustellen? Und wenn wir es doch tun - käme das einem Mord gleich? Und wer kann dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie Dinge verbreiten, für die niemand mehr haftbar gemacht werden kann? Da gibt es eine ganze Reihe von ethischen Fragen, auf die wir als Gesellschaft noch keine Antworten haben, während die Technologie zeitgleich für Tatsachen sorgt.

APA: Auch die Frage, wer dieser digitalen Reproduktion eigentlich zustimmen muss, stellt sich...

Laokoon: Auch die Frage, ob man daran schrauben kann, indem man zum Beispiel im Vorfeld einzelne Aspekte ausblendet, stellen wir uns. Und muss ein Eingriff oder eine Veränderung dann gekennzeichnet sein? Fest steht, dass es auch ein postmortales Persönlichkeitsrecht gibt.

APA: Abschließend: Würden Sie selbst gern als digitales Gespenst wiederauferstehen?

Laokoon: Auf keinen Fall. Wir hätten Angst, unser Klon würde etwas in die Welt setzen, was wir nie gewollt hätten. Unser digitaler Klon entwickelt sich ja auch weiter, nach unseren Mustern der Vergangenheit. Aber entwickelt er sich in der Weise, wie wir uns entwickelt hätten? Darüber hätten wir keine Kontrolle mehr.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Keine Menschenseele" von Laokoon im Kasino am Schwarzenbergplatz. Text und Regie von Cosima Terrasse, Moritz Riesewieck und Hans Block, Bühne: Martin Zlabinger. Premiere: 24. Mai, 19.30 Uhr. Weitere Termine: 29. Mai, 11., 15. und 24. Juni. Infos und Tickets unter www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen