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"Jahreszeiten": Ein Jahr lang Nacht am Staatsballett

01. Mai 2022 · Lesedauer 3 min

Vier "Jahreszeiten" ziehen ins Land, aber es bleibt eine lange Nacht: Martin Schläpfer, Direktor und Chefchoreograf des Wiener Staatsballetts, hat dem weltlichen Oratorium von Joseph Haydn eine abendfüllende Uraufführung gewidmet. Das Zweispartenhaus am Ring fährt dabei mit Ensemble und Solisten aus Tanz, Gesang, Chor und Orchester seine ganze künstlerische Breite auf. Sie bleibt aber getrennt in zwei Sparten. Die Bühne gehört dem Tanz, gehüllt in Dunkelheit.

Schläpfers Bebilderung oszilliert zwischen Oratoriumstext und Musikdeutung, zwischen der pantomimischen Naivität eines Handlungsballetts und dem Auf- und Abgleiten in die Abstraktion. Da zappeln die Fische, rasen die Hasen, wiegen sich die Bäume im Wind, da erzählen Jagd-, Blüh- und Liebesszenen ironisch-getreulich nach, was Gottfried van Swieten über den Lauf der Natur im Jahreskreis zu dichten wusste. Dann wieder schwingt sich das Tanzen und Wirbeln davon in seine eigenen Sphären, in eigene Hymnen auf die Anmut und auf den Körper, als Monument nur für sich selbst und als Metapher für die Lebendigkeit als solche. In diesem Wechselspiel, im Aufgehenlassen des Konkreten im Allgemeingültigen, im Umleiten von Deutungshoheit auf den einzelnen Muskel, zeigt Schläpfer auch diesmal meisterliches Handwerk.

Indem er weite Teile seines Ensembles einsetzt, darunter fast alle Solisten, spannt er zudem über den dreistündigen Abend große Bögen, gerät damit aber immer wieder auf das Territorium der Revue, in der wenig innere Entwicklung möglich ist. Zugleich trotzt er bunten oder üppigen Natur-Stereotypen und bleibt bei einer spartanischen, dunklen Optik, die große ästhetische Kraft hat - aber auch müde macht. Bricht denn der Tag niemals an? Die schwedische Künstlerin Mylla Ek hat für die "Jahreszeiten" Bühne und Kostüme entworfen - wir befinden uns im inneren einer vergrößerten Muschel, das kleinste Haus der Natur, dessen Wände im Jahresverlauf enger oder weiter werden. Das kann man nachlesen, auf der Bühne kommt man über die Andeutung schwerlich hinaus.

Dichter noch als auf der Bühne pocht die Lebendigkeit allerdings im Orchestergraben: Unter Adam Fischer und der Chorleitung von Erwin Ortner, der mit seinem Arnold Schoenberg Chor zu Gast ist, mit der auch aus dem Graben wunderbar strahlenden Slavka Zamecnikova als Hanne und den ebenfalls eindrucksvollen Josh Lovell und Martin Häßler als Lukas und Simon, wird das große Haydn-Werk mit selten zu hörender Finesse gegeben. Auch, aber nicht nur mit Hilfe der tänzerischen Erzählung, werden hier Täler und Gipfel ausgeleuchtet, Konturen gefunden, geheime Schönheiten freigelegt. Das hätte man gerne nicht nur gehört, sondern auch gesehen. Denn wer gehofft hat, dass sich Gesang und Tanz in der Handlung vereinen und in ein gemeinsames Bühnengeschehen eintreten könnten - insbesondere mit dem szenisch so versatilen Schoenberg Chor - wurde enttäuscht. Vielleicht inspiriert ja der große Schlussapplaus für das Opus magnum den Ballettchef, am Zweispartenhaus bald auch einmal einen echten Einspartenabend aus choreografischer Perspektive zu machen.

(S E R V I C E - "Die Jahreszeiten", Ballett von Martin Schläpfer, Musik von Joseph Haydn, Text von Gottfried van Swieten. Musikalische Leitung: Adam Fischer. Bühne: Mylla Ek. Mit Slavka Zamecnikova, Josh Lovell, Martin Häßler, Solisten und Ensemble des Wiener Staatsballetts, Arnold Schoenberg Chor. Weitere Termine am 5., 7., 10., 13., 17. und 25. Mai. www.wiener-staatsoper.at)

Quelle: Agenturen