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Hölle mit Gurke: "Geschlossene Gesellschaft" im Burgtheater

20. Feb. 2022 · Lesedauer 4 min

"Die Hölle, das sind die andern." - So lautet der meistzitierte Satz aus Jean-Paul Sartres 1944 uraufgeführtem Stück "Geschlossene Gesellschaft". Martin Kušej zeigt dagegen in seiner Inszenierung, die am Samstagabend im Burgtheater Premiere hatte: Die Hölle, das sind wir. Er taucht den Zuschauerraum in weißes, grelles Saallicht (was Gelegenheit auch zum Studium jener Besucher gibt, die die Maskenpflicht äußerst lasch handhaben) und lässt die Spieler von dort auftreten.

Auf der Bühne erwartet Dörte Lyssewski, Regina Fritsch und Tobias Moretti eine hohe Mauer aus grauen Hohlziegeln (Bühne: Martin Zehetgruber). In der Hölle gibt es einen weißen Kiesboden, ein paar übrig gebliebene Ziegel, die als Sitzgelegenheit dienen könnten, einen langen Tisch mit weißem Tischtuch, drei leere Rechauds, ein Brotmesser (aber kein Brot), und eine große, weiße Gurken-Skulptur. Die zeitgenössische Hölle ist eben kein "Salon im Second-Empire-Stil", sondern ein cooler Kellerraum mit schicker Kunst, und statt einer Bronze von Ferdinand Barbedienne steht da ein Objekt von Erwin Wurm. Ein paar Mal wird darauf angespielt. "Was soll das sein?", fragt Joseph Garcin, der sich immer als "Journalist und Literat" vorstellt, in der leicht adaptierten Textfassung der Übersetzung von Traugott König. "Ist ziemlich teuer", antwortet der Kellner. "Das mag man da unten." In der Hölle ist der Wurm drinnen.

Christoph Luser in Frack und Fliege macht diesen Kellner zu einer brillanten Miniatur. Eine lässige Mischung aus Überlegenheit und Nonchalance, Ironie und Perfidie. Er geleitet die Toten in jenen Raum, in den sie nun wohl eine Ewigkeit zusammen verbringen werden, und gestattet sich gelegentlich mit diabolischem Grinsen Kommentare über die Erwartungen jener, die hierherkommen. Die wundern sich nämlich immer, dass hier die Folterinstrumente fehlen, dass ihnen aber die Zahnbürste abgenommen wird. Dafür freuen sie sich über das Vorhandensein einer Klingel. Zu früh gefreut. Die funktioniert nur, wann sie gerade will.

Ist Luser durch und durch eine Kunstfigur zwischen Mephisto und Fred Astaire, so haben es seine Kolleginnen und sein Kollege deutlich schwerer. Die lesbische Postangestellte Inès Serrano, die mondäne Kindesmörderin Estelle Rigault und der verhinderte brasilianische Freiheitsheld (der geografische Bezug wurde gestrichen) Joseph Garcin waren schließlich Menschen aus Fleisch und Blut, ehe sie als "Abwesende" hier aufeinandertreffen und nun versuchen, die eigene und die Schuld des jeweiligen anderen herauszubekommen und sich häuslich für die Ewigkeit einzurichten. Das zu spielen ist keineswegs einfach, zumal die Figuren wenig Eigenleben haben. "Es ist sehr Papier", hatte Regina Fritsch im APA-Interview gestöhnt. "Das ist weniger Stück, mehr philosophische Abhandlung."

Dennoch geht der zweistündige Abend erstaunlich lange gut. So lange nämlich, als die Distanz der drei Verdammten deutlich spürbar bleibt, als man sich zu taxieren und zu arrangieren sucht. Mit zwei Fremden auf engstem Raum eingesperrt zu werden - dass das nicht angenehm ist, weiß jeder, der schon einmal Liegewagen gefahren ist. Doch Sartre sucht die Entblößung und Entäußerung seiner Figuren sichtbar zu machen - und Kušej sucht vergeblich nach geeigneten Bildern dafür. Je näher die Drei einander kommen, desto unglaubwürdiger wird ihr Spiel. Lyssewski versucht Fritsch zu verführen. Fritsch bietet sich Moretti an. Moretti, dem beide Frauen auf die Nerven gehen, schlägt vor, rasch zu ficken, damit man das hinter sich habe (denn in der Ewigkeit liege die Chance, dass es nicht dazu komme, "gegen Null"). Derlei ist nicht Kunst, sondern bloß gekünstelt. Echt kommt bloß Garcins Satz über die Rampe: "Es ist nicht einfach, mit ihnen tot zu sein."

Die Erkenntnis, dass das jetzt ewig so weitergehen werde, sorgt für ein gemeinsames befreiendes Lachen auf der Bühne. Und danach für langes Schweigen - das irgendjemand letztlich doch beginnt, mit Applaus zu beenden. Viel Applaus für eine ziemlich fremd wirkende "Geschlossene Gesellschaft" von einer Gesellschaft, die derzeit große Hoffnung auf Öffnung hat. Auch wenn diese möglicherweise nicht ewig währen wird. Sondern vielleicht nur bis zum nächsten Spätherbst.

(S E R V I C E - Jean-Paul Sartre: "Geschlossene Gesellschaft", Übersetzung von Traugott König, Regie: Martin Kušej, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Werner Fritz, Musik: Aki Traar, Mit Dörte Lyssewski - Inès Serrano, Regina Fritsch - Estelle Rigault, Tobias Moretti - Joseph Garcin, Christoph Luser - Kellner. Burgtheater. Nächste Vorstellungen: 22. und 26. Februar sowie am 9., 13., 16., 17. und 21. März. www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen