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Heute Buchpremiere von Marlene Streeruwitz: "Tage im Mai."

Großmutter, Mutter, Tochter. "Tage im Mai." von Marlene Streeruwitz ist ein Generationenroman und ein Frauenroman. Sie nennt ihn im Untertitel "Roman dialogué". Die wechselnden Perspektiven sind ein Strukturprinzip des Romans, der heute, Montag, in der Alten Schmiede in Wien vorgestellt wird. Manches haben "Oma Christl", Mutter Konstanze und Tochter Veronica ("Nizzi") gemeinsam - etwa, dass sie uneheliche Kinder sind. Männer sind Randfiguren - und machen keine gute Figur.

Der erste Satz hat es in sich. "'Ich sterbe.', rief sie." Dramatischer wird es auf den folgenden 380 Seiten nicht mehr. Die 56-jährige freie Übersetzerin Konstanze stirbt nicht. Aber sie leidet. "Es war der Schmerz über alles. Über alles, was nicht gewesen und was gewesen. Der Schmerz über das Leben insgesamt. Über alles, was schmerzte. Überhaupt. Der Krieg. Der Krieg gerade. Der verstärkte das. Verschärfte die Konturen. Zerschnitt mit den Erinnerungen das Erhoffte. Kreuzte die Wünsche gegen die Wirklichkeiten." Kein Streeruwitz-Buch ohne den typischen stakkatohaften Streeruwitz-Sound. Auch, wenn er diesmal nichts vorantreibt, sondern im Kreis geht. "Tage im Mai." ist eine Zustandsbeschreibung. Ein Befund. Es geht uns gut - aber es geht uns nicht gut dabei.

"Der Schmerz über das Leben insgesamt" wird vom Ukraine-Krieg noch verschärft. Die Angst vor einem Atomkrieg ist wieder da. Das sich ausgeliefert Fühlen. Schon die Covid-Pandemie hat einen tiefen Einschnitt hinterlassen, in den Lebensumständen, in den Diskussionen um die politischen Eingriffe in das Private, aber auch in der Familie selbst. Die "Nonna", die italienische Großmutter von Veronica, ist an Corona gestorben. Einsam. Ihr Tod auf einem kurzen FaceTime-Video dokumentiert. Damit ist auch Veronicas Italien-Connection obsolet, da sie zu ihrem italienischen Vater und ihren Halbschwestern nie eine besonders enge Beziehung hatte. Da bleibt noch die Salzburger Oma Christl, die Veronica und einen Freund im Lockdown bei sich wohnen ließ. Heute wohnt die Enkelin in einem katholischen Studentinnenheim im 19. Bezirk, in dem es keine versperrbaren Türen, dafür einen zudringlichen Kaplan gibt.

Die Studentin jobbt als Empfangsdame in einem Haus an einer noblen Innenstadt-Adresse und muss die Brieffächer von Briefkastenfirmen befüllen. Ihre Freizeit verbringt sie bei Klimademonstrationen, die aber eigentlich das Abschlussprojekt eines Kunststudenten sind, der mit Demo-Performances Rassismus und Fake News bloßstellen will. Veronica geht als Regentropfen verkleidet auf Kunstaktionen, bei denen gegen die angebliche von China beförderte künstliche Austrocknung Österreichs demonstriert wird. Blöderweise regnet es ständig bei den Demos. Marlene Streeruwitz mischt gelegentlich Sarkasmus und Humor in ihre ansonsten todernsten Sujets. Das gilt auch für ein längeres Kapitel, mit dem sie ihre Mutter-Tochter-Geschichte unterbricht und eine südamerikanische Telenovela entwirft, wie sie die beiden an gemeinsamen Netflix-Abenden schauen könnten. Schon nach zwei, drei Folgen verliert man den Roten Faden der hochgradig absurd-überdrehten Handlung.

Mutter und Tochter stecken fest, empfinden sich weniger als Handelnde denn als (in die Enge) Getriebene, das wird in der Abfolge der kurzen Schlaglichter aus jeweils anderer Perspektive ebenso klar wie in den beiden längeren Kapiteln, die etwa Konstanze für einen Verlagstermin nach Zürich führen, wo ihr verklausuliert klar gemacht wird, wie überflüssig ihre Arbeit ist. Die Kulturindustrie im Allgemeinen und der familiäre Kleinverlag im Speziellen hat andere Probleme als literarische Übersetzungen. Zwei dialogische Mutter-Tochter-Kapitel bringen noch einmal auf den Punkt: Offene Kommunikation über die gemeinsamen Schwierigkeiten ist schwierig. Ihr Bewältigen sowieso. Daran hat sich seit Generationen nichts geändert, das wird auch in einem Zwischen-Kapitel klar, in dem Oma Christl darüber nachdenkt, ob sie Tochter und Enkelin Briefe schreiben soll. Am Ende reden Mutter und Tochter wieder aneinander vorbei. Doch die Tochter will nicht mehr. Sie will leben, nicht reden. "Verstehst du. Einfach nur so leben. Irgendwie. Und mit Zukunft. Weißt du?"

(S E R V I C E - Marlene Streeruwitz: "Tage im Mai. Roman dialogué.", S.Fischer Verlag, 384 Seiten, 26,70 Euro, Buchpremiere heute, 23.1., 19 Uhr, in der Alten Schmiede, Wien. Weitere Lesungen: 26.1., 19 Uhr, Literaturhaus Graz; 30.1., 19.30 Uhr, Literaturforum Leselampe Salzburger Literaturforum)

ribbon Zusammenfassung
  • Sie nennt ihn im Untertitel "Roman dialogué".
  • Manches haben "Oma Christl", Mutter Konstanze und Tochter Veronica gemeinsam - etwa, dass sie uneheliche Kinder sind.
  • "Der Schmerz über das Leben insgesamt" wird vom Ukraine-Krieg noch verschärft.
  • Die "Nonna", die italienische Großmutter von Veronica, ist an Corona gestorben.
  • Marlene Streeruwitz mischt gelegentlich Sarkasmus und Humor in ihre ansonsten todernsten Sujets.