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Große Trauer um Schriftsteller Gerhard Roth

09. Feb. 2022 · Lesedauer 4 min

Trauer herrscht nach dem Tod des Schriftstellers Gerhard Roth, der am Dienstag nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren in seiner Heimatstadt Graz verstorben ist. Bundespräsident Alexander Van der Bellen würdigte den Verstorbenen als "mutige und kluge Stimme", Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) würdigte die Romanzyklen "Die Archive des Schweigens" und "Orkus" als "literarische Kontinente, durch die wir noch lange reisen werden". Der ORF ändert sein Programm.

"Gerhard Roth war einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller, dem es in bester Weise gelungen ist österreichische Geschichte und Geschichten zu erzählen", reagierte auch Eva Blimlinger, Kultursprecherin der Grünen. In seinen beiden Romanzyklen finde sich "alles, was gewusst werden sollte, in einer Sprache, die im besten Sinne das Epische zum vollkommenen Lesegenuss macht". Auch die IG Autorinnen Autoren zeigten sich am Mittwoch tief betroffen. Roth habe "nicht nur ein Monumentalromanwerk hinterlassen, er gehört auch zum engsten Kreis derjenigen Autoren, die Graz in den 1970er Jahren zur 'heimlichen Literaturhauptstadt' oder auch 'unheimlichen Literaturhauptstadt' gemacht haben", so Gerhard Ruiss. "Er war ein Autor, der sich sowohl der Engstirnigkeit als auch allen nationalistischen Strömungen mit aller Entschiedenheit entgegenstellte, er ist unbeirrbar für eine offenere Welt im Kleinsten wie im Größten eingetreten."

"Eine Ausnahmeerscheinung in der Literaturwelt" war Roth für Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ): "Seine Texte zeichnen sich durch Geduld, Genauigkeit, Tiefe und Konzentration aus und sind heute ein widerständiges Werk in einer von Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit geprägten Zeit." Im Mittelpunkt seiner virtuos erzählten und recherchierten Texte stünden die sogenannten kleinen Leute wie Arbeiter, Bauern, Mägde und Knechte, Sonderlinge und tragische Figuren. "Dabei schwingt immer großes Verständnis, Respekt und liebevolle Zuneigung mit. Anhand dieser Einzelschicksale führt uns Gerhard Roth durch österreichische Geschichte und Geschichten", so Kaup-Hasler.

Auch der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP) nahm von seinem persönlichen Freund Abschied: "Die Steiermark verliert einen sorgfältigst Wahrnehmenden und literarisch Schenkenden, dem wir Beschenkte zu großem Dank verpflichtet sind. Ich verneige mich vor einem großen Literaten und liebevollen Betrachter der Menschen." Klaus Kastberger, der Leiter des Literaturhauses Graz, bezeichnete Gerhard Roth als scharfen Beobachter der österreichischen Verhältnisse, der stets auch übergeordneten Werten der Verständigung und der Solidarität verpflichtet gewesen sei: "Seine großen Romane und Romanzyklen bilden ein breites Panorama einer Prosa der angespannten Aufmerksamkeit. Gerhard Roths Bücher werden uns in ihrer ungeheuren Detailfülle in Erinnerung bleiben. Sie zählen zum Kernbestand der österreichischen und europäischen Literatur."

Gerhard Roth war einer der großen, zugleich stets politischen Erzähler und Literaten Österreichs. Berühmt wurde der am 24. Juni 1942 in Graz geborene Autor vor allem durch seinen siebenteiligen Zyklus "Die Archive des Schweigens", an dem er zwischen 1978 und 1991 arbeitete. Auch der folgende "Zyklus Orkus", der anschließend entstand und 2011 vollendet wurde, sicherte ihm einen Platz in der Ruhmeshalle der heimischen Schriftsteller. Unter anderem der Große Österreichische Staatspreis 2016 war der Lohn für dieses jahrzehntelange Engagement.

Seit 2001 befindet sich Roths literarisches Archiv am Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung an der Universität Graz, wo es auch wissenschaftlich bearbeitet wird. Die Sammlung umfasst Manuskripte und Korrespondenzen zu sämtlichen Werken des Autors als auch 30.000 Fotografien.

In memoriam Gerhard Roth ändert Ö1 sein Programm: Am Donnerstag liest Helmut Berger in den "Radiogeschichten" (11.05 Uhr) aus "Orkus", am Freitag ist zum "Im Gespräch"-Termin ab 16.05 Uhr eine Ausgabe der "Tonspuren" zu hören: Das von Nikolaus Scholz gestaltete Feature aus dem Jahr 2012 begibt sich unter dem Titel "Der Vermesser von Obergreith" auf die Spuren von Gerhard Roth in der Südweststeiermark. Ebenfalls aus dem Jahr 2012 stammt die Ausgabe der "Gedanken" am Sonntag (13. Februar, 9.05 Uhr): In "Die Erinnerung ist eine Fata Morgana in der Wüste des Vergessens" spricht Gerhard Roth über Erlebtes und Imaginiertes in den Archiven des Dichters.

Auch im ORF-Fernsehen gibt es Programmänderungen: Am 14. Februar steht in ORF 2 im Rahmen des "kulturMontags" Sophie Weilandts Dokumentation "Schreiben ist Leben - Gerhard Roth" (23.30 Uhr) auf dem Programm, danach folgt Xaver Schwarzenbergers nach einem Drehbuch von Gerhard Roth inszenierter TV-Krimi "Ein Hund kam in die Küche". ORF III widmet sich am heutigen Mittwoch in "Kultur Heute" um 19.45 Uhr dem Verstorbenen: Heinz Sichrovsky ist zu Gast bei Ani Gülgün-Mayr.

Quelle: Agenturen