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Grandioser Jandl-Abend "humanistää!" im Wiener Volkstheater

16. Jan. 2022 · Lesedauer 4 min

Bereits im Frühjahr 2021 hat Volkstheater-Direktor Kay Voges mit Ernst Jandls szenischem Gedicht "Der Raum" bewiesen, dass er gewillt und fähig ist, dessen Werk mit großer Ernsthaftigkeit und Liebe zum Detail auf die Bühne zu bringen. Nun hat er die Regie-Staffel an die Deutsche Claudia Bauer übergeben, die mit "humanistää!" einen furiosen Jandl-Abend geschaffen hat, der am Samstagabend seine umjubelte Premiere feierte: Tempo mit Tiefe.

Dabei begann der zweistündige, pausenlose Abend für treue Volkstheaterbesucher mit einem Schreckmoment: Die Bühne ist bis auf eine kleine Aussparung mit einem grauen Vorhang verhüllt, in dem sichtbaren kleinen Raum findet sich ein Tisch mit zwei Stühlen, auf denen sich zwei hinter Ganzkopfmasken versteckte Schauspieler gegenübersitzen, während der Dialog aus dem Off eingesprochen wird. Immer wieder verlässt einer den Raum, um durch einen anderen, ident gekleideten Klon ersetzt zu werden. Exakt dasselbe Setting hat man schon zu Beginn der Saison bei Susanne Kennedys "Drei Schwestern" gesehen; mit dem Unterschied, dass Tschechows Text vom Band kam. Auch hier wird wild gestikuliert, das gezeigte Paar bearbeitet manisch mit Messer und Gabel sein Abendessen, begleitet von immer rasanter anwachsenden Sounds aus dem Orchestergraben, in dem die Dirigentin Jera H. Petriček ein dreiköpfiges Ensemble anführt.

Und so war die Erleichterung groß, als der Vorhang nach zehn Minuten fiel und der Quader in den Bühnenhintergrund gezogen wurde, um das eigentliche Setting des Abends freizulegen. In diesem die Bühne ausfüllenden Raum, der lediglich zwei Türen an den Seiten aufweist und im Hintergrund ein mit einem Gitter abgetrenntes Zimmer erahnen lässt (Bühnenbild: Patricia Talacko), entfaltet sich eine mitreißende Collage aus Jandls einzigem abendfüllenden, 1978 beim steirischen herbst uraufgeführten Stück "aus der fremde", dem Einakter "die humanisten" und dem Langgedicht "deutsches gedicht". Eingewebt sind auch zahlreiche weitere, deutlich kürzere Gedichte, als immer wieder kehrendes Motiv findet sich das als Kanon gesungene "Calypso" ("ich was not yet/in brasilien"). Hinter den Masken, die in den Passagen "aus der fremde" stets am Kopf bleiben, wechselt sich das in dieser Inszenierung sehr geforderte Ensemble unentwegt ab, während die acht Schauspielerinnen und Schauspieler in den anderen Texten aus den Rollen des depressiven Schriftstellers und seiner Schriftstellerfreundin heraustreten können, um wahre Glanzleitungen in der Interpretation von Jandls Gedichten abliefern zu können.

So bringt etwa Samouil Stoyanov eine packende Performance von Jandls "deutsches gedicht" aus dem Jahr 1957 auf die Bühne, in dem der Dichter die österreichische Verdrängungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg verhandelte. Die groteske Überhöhung deutsch-österreichischer Kulturgeschichte sezierte Jandl in den titelgebenden "humanisten": In dem 1976 uraufgeführten Einakter gibt Juliane Franz Richter mit dickem Wohlstandsbauch den Geschichtswissenschafter, der im sich aufschaukelnden Dialog mit dem Künstler (zum Totlachen: Elias Eilinghoff in Langhaarperücke) buchstäblich auf einen Schwanzlängenvergleich aus ist. Hier kommt als dritte Figur die Opernsängerin Hasti Molavian ins Spiel, die das Gedicht "karwoche: ein turm" als Arie interpretiert.

Apropos singen: Mit den Musikern im Graben hat Claudia Bauer ein starkes Zeichen gesetzt. Sie liefern nicht nur Untermalung, sondern bringen Jandls Texte zum Schillern (Komposition: Peer Baierlein). Und so entsteht ein packender Abend, in dem die Sprache mit all ihren Tücken und Fallstricken im Zentrum steht, ohne allzu verkopft zu sein. Evi Kehrstephan und Bettina Lieder bilden mit Richter und Molavian ein starkes Frauenensemble, auch Uwe Rohbeck und Nick Romeo Reimann haben in Einzelszenen starke Auftritte.

Das Wien-Debüt von Claudia Bauer kann sich sehen lassen, das Volkstheater hat mit "humanistää!" mit ziemlicher Sicherheit einen mehr als nötigen Hit. Am Ende gibt es für das Publikum dann auch noch einen ordentlichen Gegenwartsbezug, wenn das Gedicht "von zeiten" intoniert wird ("sein das heuten tag sein es ein scheißen tag") und es frei nach Jandl heißt: "zweitausendscheißeinundzwanzigscheiß / scheißzweitausendscheißzweiundscheißzwanzigscheiß". Lang anhaltender Jubel.

(S E R V I C E - "humanistää! eine abschaffung der sparten" nach Ernst Jandl im Volkstheater Wien. Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Andreas Auerbach, Komposition: Peer Baierlein. Mit Elias Eilinghoff, Evi Kehrstephan, Bettina Lieder, Hasti Molavian, Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Uwe Rohbeck, Samouil Stoyanov. Musiker: Baierlein, Igor Gross, Lukas Lauermann, Dirigentin: Jera H. Petricek. Weitere Termine: 19., 28. und 29. Jänner sowie im Februar. Infos und Karten unter www.volkstheater.at)

Quelle: Agenturen