APA/APA/ImPulsTanz/Lucie Jansch

Geometrische Poesie mit Childs und Wilson beim ImPulsTanz

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Es sind zwei Legenden des Tanztheaters, die am Freitag in Wien mit der Wucht ihrer geometrischen Poesie den Premierenreigen des heurigen ImPulsTanz eingeläutet haben: Lucinda Childs, Ikone der postmodernen Tanzarbeit, und Robert Wilson, Meister des ruhigen, farbbetonten Bühnenbildes, legen mit "Relative Calm" eine neue Arbeit vor, die doch auf einer alten beruht. Die Repetition ist bei den beiden Minimalisten eben stets Teil des Konzeptes.

So ist das im Vorjahr in Rom uraufgeführte Triptychon ein Kind der Pandemiezeit, in der die beiden Künstlerpersönlichkeiten Childs und Wilson, die seit der Kooperation für Philip Glass' legendäre Oper "Einstein on the Beach" 1975 vielfach zusammengearbeitet haben, kreative Gedanken wälzten. Am Ende beschloss man, eine 1981 zur Musik von Jon Gibson entstandene Arbeit als Ausgangspunkt zu nehmen und dieser neues Leben einzuhauchen. Gemeinsam mit einer ebenfalls aus den 80ern stammenden Choreografie zu John Adams rahmt diese nun die neue Interpretation von Strawinskys "Pulcinella"-Suite.

Und so verbinden sich über Jahrzehnte modulierte Zugänge an das Medium Tanz mit durch Jahrzehnte getrennte Musiken, steht doch der traditionelle Minimalismus von Adams und Gibson der historisierenden Deutung Strawinskys gegenüber. Dennoch offenbart sich mehr Homogenität denn Differenz. So werden die Tänzerinnen und Tänzer des italienischen MP3 Dance Project von Childs in allen drei Choreografien entindividualisiert, skulptural arrangiert, dienen mit weiß getünchten Gesichtern gleichsam als geometrische Elemente. Hier bewegt sich ein großer Organismus in nur sukzessive wahrnehmbaren Veränderungen.

Wilson setzt diese tanzende Großskulptur in seine markanten Bühnenbauten, die nahezu ausschließlich aus Primärfarben und -formen bestehen, mit Licht und Schatten arbeiten. Einzig in den schon etwas angegrauten geometrischen Projektionen für die frühen Werke zeigt sich die Wandlung der vergangenen 40 Jahre überdeutlich. Ungeachtet dessen entfaltet dieses Ballet mécanique der 80er eine eigene suggestive Kraft, lässt sich Zeit in der Entwicklung.

Als Scharnier zwischen den drei Arbeiten dient Madame Childs selbst, die aus dem Tagebuch der Tanzikone Vaslav Nijinsky rezitiert, was Wilson mit assoziativen Videoprojektionen untermalt. Tanzend kann das ImPulsTanz-Publikum die 83-jährige Bühnendoyenne dann am 16. und 17. Juli erleben, wenn sie das Solo "Description (of a description)" verkörpert.

(S E R V I C E - Lucinda Childs / Robert Wilson: "Relative Calm" im Rahmen des ImPulsTanz im Volkstheater, Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien. Konzept/Beleuchtung/Video/Bühnenbild/Regie: Robert Wilson, Choreografie: Lucinda Childs. Musik: Jon Gibson, Igor Strawinsky und John Adams. Mit: Agnese Trippa, Giovanni Marino, Nicolò Troiano, Sara Mignani, Asia Fabbri, Mariagrazia Avvenire, Mariantonietta Mango, Giulia Maria De Marzi, Xhoaki Hoxha, Gerardo Pastore, Maria Pia Giordani und Alexandru Mihaita Tanasa. Weitere Aufführungen am 8., 9. und 10. Juli. www.impulstanz.com/performances/id2716/)

ribbon Zusammenfassung
  • Musik: Jon Gibson, Igor Strawinsky und John Adams.

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