APA - Austria Presse Agentur

Finsternis und Federkleid: "Macbeth" an der Staatsoper

11. Juni 2021 · Lesedauer 3 min

Die Augen gewöhnen sich bekanntlich rasch an die Dunkelheit. Und der Stern strahlt umso heller am schwarzen Firmament. Bei Barrie Koskys Inszenierung des "Macbeth", die am Donnerstagabend an der Wiener Staatsoper Premiere feierte, stimmen solche Volksweisheiten nur eingeschränkt: Die alles beherrschende Finsternis dieser monochromen Deutung der Verdi-Oper schließt auch das Leuchten einer Anna Netrebko oder eines Luca Salsi in die Schranken eines schmalen Lichtkegels.

Kosky, der sich als Opernmacher nicht zuletzt als Fachmann für Opulenz, Witz und Detailreichtum etabliert hat, setzte für seinen "Macbeth", der 2016 triumphal in Zürich herauskam, auf Radikaldiät. Nichts als ein schwarzer, ins Unendliche akzentuierter Gang und zwei Deckenleuchten, die Kammern aus Licht auf den Boden werfen. Gefängnisse für die Mörder, Schaufenster für ihren Kampf mit dem Gewissen. Die zwei schlichten Stühle an der Bühnenrampe sind Schauplatz eines ehelichen Kammerspiels: Macbeth und seine Lady, schuldig, verstrickt, dem Wahnsinn versprochen. Aus den Leichen dringen schwarze Federn, sie sind bedeckt mit toten Krähen.

Doch was als psychologisch dichter Horrortrip gebaut und mit hermaphroditischen Hexen sowie einem im Dunkel lauernden, verschleierten Chor packend ausgestattet ist, löst sich in der Umsetzung nicht über den ganzen Abend hinweg ein und gerät immer wieder unter Stehtheater-Verdacht. Luca Salsi und Anna Netrebko sind ein Traumpaar - und in diesem geifernden, hässlichen Albtraum eigentlich eine Fehlbesetzung. Netrebko, die denkbar überzeugendste Sängerin in so gut wie jeder Sopranrolle, wirkt gehemmt und eingesperrt im schweren, grauen Kleid der bösen Königin, selbst ihre Wunderstimme widersetzt sich vor allen in den tieferen Lagen dem gewohnten Samt.

Salsis Macbeth ist vokal überragend, die alles verschlingende Echokammer seines Irrsinns kommt dabei aber nicht recht zum Klingen. Mit Freddie De Tommaso hat im sonstigen Ensemble vor allem Macduff einen starken gesanglichen Auftritt und letztlich auch der Chor, als er sich endlich offen revoltierend aus dem Hinterhalt wagt - wo er die längste Zeit nicht nur zur Schattenhaftigkeit, sondern auch zur Kaumhörbarkeit verurteilt war. Gruselig, aber auch schade.

Die ursprüngliche Zürcher Produktion dieses "Macbeth" entstand gemeinsam mit Teodor Currentzis, einem halsbrecherischen Erkunder musikalischer Abgründe. Wüst und unschön soll es da zugegangen sein im Orchestergraben, Verdi mit Stöhnen und Schürfwunden. An der Staatsoper greift Musikdirektor Philippe Jordan die vielschichtige Partitur dagegen mit dem planvollen Anspruch an ideale Mikrokosmen an, kombiniert Edelklang und irrlichternde Störfeuer, melancholische Bläserkantilenen und donnernde Chorwut zu einem präzis geschnittenen und vernähten Muster. Das macht Eindruck, hat aber zu der grellschwarzen Einfarbigkeit der Bühnendeutung wenig Ekstatisches beizutragen.

Gefeiert wurden Orchester und Sänger natürlich sehr wohl mit Ekstase, ist doch das Wiedersehen mit der Primadonna nach dem langen Kulturlockdown für viele Fans ein glückhafter Moment ganz für sich. Ob Barrie Kosky, der in den 15 Jahren seit seinem verunglückten Staatsopern-"Lohengrin" überall sonst großes Operngeschick unter Beweis gestellt hat, sich mit diesem "Macbeth" das Wiener Publikum zurückerobert, bleibt abzuwarten. Ein Vertrauensvorschuss für seine in den kommenden Spielzeiten anstehende Da-Ponte-Trilogie könnte jedenfalls nicht schaden.

(S E R V I C E - "Macbeth" von Giuseppe Verdi. Musikalische Leitung: Philippe Jordan. Regie: Barrie Kosky. Bühne und Licht: Klaus Grünberg. Mit Luca Salsi, Anna Netrebko, Roberto Tagliavini, Freddie De Tommaso, Carlos Osuna. Weitere Termine am 14., 17. und 21. Juni sowie am 24. und 28. Juni mit Pirozzi statt Netrebko. www.wiener-staatsoper.at)

Quelle: Agenturen