APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH

Filmemacher Arash T. Riahi hofft auf iranische Studenten

Heute, 10:37 · Lesedauer 5 min

Der österreichische Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent Arash T. Riahi wurde 1972 im Iran geboren und hat sich u.a. mit Filmen wie "Exile Family Movie" mit seiner weit versprengten Familie auseinandergesetzt. Er ist Präsident der Akademie des Österreichischen Films und Gründer der "Golden Girls Filmproduktion". Derzeit arbeitet er mit seinem Bruder Arman T. Riahi an dem Thriller "30 Bullets" in Berlin, wo die APA ihn in einer Drehpause erreichte.

APA: Herr Riahi, wie schwer ist es gerade, sich auf Dreharbeiten zu konzentrieren?

Riahi: Es ist natürlich nicht leicht, weil man ständig schauen will, was gerade passiert.

APA: Nun dauert dieser Krieg schon ein paar Tage - und immer mehr zweifelt man, ob es dabei überhaupt um Freiheit oder um das iranische Volk geht, oder nicht viel mehr um amerikanische Innenpolitik ...

Riahi: Und natürlich um israelische Innenpolitik, denn auch Netanyahu weiß, dass er bei den Umfragen schlecht dasteht und er seine Wiederwahl pushen will. Es geht bei diesen Sachen nie um Menschenrecht und um Demokratie - schon gar nicht bei jemandem wie Donald Trump, dem Gesetze völlig egal sind. Demokratie im Iran kann ein guter Nebeneffekt sein, den man dann verkaufen kann, aber in Wirklichkeit geht es um Öl. Der Ölpreis ist jetzt schon gestiegen, daran verdienen auch die Amerikaner.

APA: Schon bei den großen Protesten vor einigen Wochen war das Narrativ des Westens: Es hängt vom iranischen Volk ab, das den entscheidenden Schritt zum Regimewechsel tun muss. Sehen Sie diese Möglichkeit nun näher oder ferner gerückt?

Riahi: Beides. Der richtige Zeitpunkt, den Iranern zu helfen, wäre Anfang des Jahres gewesen, ehe die Massaker begonnen haben. Die ersten zwei Tage dieses Protests sind eigentlich sehr gut gelaufen - es sind immer mehr Menschen gekommen und es gab auch kaum Gewalt. Man darf nicht vergessen, dass die Proteste von traditionell regimenahen Basar-Geschäftsleuten ausgegangen sind, die gegen die schlechte Wirtschaftslage protestiert haben. Dann haben sich Trump, Netanyahu und der Sohn des Schah draufgesetzt. Damit hat das Regime etwas in der Hand gehabt und sagen können: Das sind vom Ausland gesteuerte Leute! Sie sind dann mit einer Brutalität vorgegangen, mit der man nicht einmal bei diesem Regime rechnen konnte. Auch denen sind ja Menschenrechte völlig egal, denn ihnen geht es um Gott, und wenn der dir die Erlaubnis gibt, kannst du alles machen. Niemand ist traurig, wenn dieses Regime gestürzt wird, aber es hat einen bitteren Beigeschmack, dass wir jetzt Trump und Netanyahu danken müssen, dass sie Khamenei getötet haben. Es kann auch sein, dass das nach hinten losgeht. Je mehr zivile Opfer zu beklagen sind, desto eher kann es zu einem Gaza-Effekt kommen. Das kann dem Regime helfen.

APA: Es heißt, die Straßen in Teheran sind derzeit leer gefegt. Haben Sie Kontakt zu Freunden und Verwandten?

Riahi: Meinen Verwandten geht es derzeit noch gut. Man ist gespannt, wie es weitergeht. Das iranische System wird definitiv geschwächt daraus hervorgehen. Sie attackieren ja auch viele ihrer arabischen Nachbarn. Das wirkt zum Teil wahllos. Damit machen sie sich keine Freunde, und ich kann mir nicht vorstellen, wie sie aus diesem Schlamassel wieder herauskommen sollen.

"Wenn die USA die Bedingung stellen würden, dass die politischen Gefangenen freikommen ..."

APA: Im Augenblick gilt der Schah-Sohn als der einzige, der eine personelle Alternative bieten könnte. Hat sich in der Diaspora keine andere Opposition gebildet, auf die man jetzt bauen könnte?

Riahi: Viele linke Intellektuelle wurden entweder getötet oder sitzen im Gefängnis. Wenn die USA die Bedingung stellen würden, dass die politischen Gefangenen freikommen, würden sich einige finden, die eine gute Rolle spielen könnten - etwa die Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die inhaftiert ist. Ich halte es grundsätzlich für keine gute Idee, wenn Leute aus dem Exil kommen und das Land regieren wollen. Der Sohn des Schahs sagt grundsätzlich keine schlechten Dinge, aber er distanziert sich nicht von dem Hardcore-Regime seines Vaters, mit Geheimdienst, Folter, Verbot von Wahlen und Parteien. Mein Vater war ja fünf Jahre im Gefängnis - als Linksintellektueller, weil er ein paar Bücher gehabt hat, die dem System nicht gepasst haben. Bei Demonstrationen taucht der Spruch auf: Tod den drei Korrupten - den Linken, den Mullahs und den Mudschahedin. Das kann ich nicht unterstützen. Wir brauchen eine pluralistische Gesellschaft, in der Leute gewählt und abgewählt werden können. Glücklicherweise tun sich gerade ein paar Gruppierungen zusammen - bei den Linken im Ausland oder bei den Studenten. Die republikanischen Studenten Irans haben ein beeindruckendes Manifest veröffentlicht: ein Plädoyer für eine demokratische Zukunft des Landes.

APA: Kurz vor dem Angriff von Israel und den USA hat man von neuen Protesten an den Universitäten gehört. Warten diese mutigen jungen Menschen nur darauf, dass keine Bomben mehr fallen, um erneut auf die Straße zu gehen?

Riahi: Der Moment, an dem die Menschen wieder auf die Straße gehen, wird extrem wichtig. Da muss eindeutig spürbar werden, dass man eine grundlegende Veränderung will. Wir haben 2013 einen Film gemacht, "Everday Rebellion", eine Art Anleitung für gewaltfreien Widerstand. Wir haben den Film heute mit persischen Untertiteln gratis auf Youtube gestellt - als kleiner Beitrag von uns, damit die Menschen im Iran sich anschauen können, wie das in anderen Ländern gemacht wurde.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Zusammenfassung
  • Der österreichische Regisseur Arash T. Riahi, geboren 1972 im Iran, arbeitet aktuell mit seinem Bruder in Berlin am Thriller "30 Bullets" und ist Präsident der Akademie des Österreichischen Films.
  • Riahi sieht die aktuellen Konflikte rund um den Iran vor allem als Resultat amerikanischer und israelischer Innenpolitik und betont, dass der gestiegene Ölpreis wirtschaftliche Interessen widerspiegelt.
  • Er kritisiert, dass der Westen den entscheidenden Moment zur Unterstützung der Proteste verpasst habe und das iranische Regime mit großer Brutalität gegen Demonstrierende vorging.
  • Viele linke Intellektuelle wurden getötet oder inhaftiert, darunter die Nobelpreisträgerin Narges Mohammadi, deren Freilassung Riahi als Voraussetzung für eine echte Alternative sieht.
  • Riahi setzt Hoffnung auf die republikanischen Studenten Irans, die ein Manifest für eine demokratische Zukunft veröffentlicht haben, und stellt seinen Film "Everyday Rebellion" gratis auf YouTube zur Verfügung.