Esther Graf kann Pop mit Emotion

23. März 2022 · Lesedauer 4 min

Pop mit deutschen Texten scheint wieder einmal im Trend. Esther Graf, aufgewachsen in einem Kärntner Dorf, musikalisch gereift in Wien und Berlin, verkörpert eine neue Generation, die auf Pop mit Tiefe und Muttersprache setzt - ohne Berührungsängste vor anderen Stilen und Einflüssen. Bei Sony erschien dieser Tage ihre EP "Red Flags", ein "Erste-Hilfe-Paket für Liebeskummer", wie die 23-Jährige im APA-Interview sagte.

"Es passiert gerade eine Ultra-Neue Deutsche Popwelle, kommt mir vor", erzählte Graf. "Ich will Teil dieser Bewegung sein. In den letzten Jahren gab es sehr viel Deutschrap, aber in der deutschen Popmusik sind wenige nachgekommen, obwohl Pop international gerade so groß ist wie noch nie und die Leute Pop wieder cool finden."

Mehr als 15 Millionen Streams und 10.000 Abos auf ihrem YouTube-Kanal, wie Grafs Plattenfirma auflistet, mögen plakative Zahlen sein, aber es sind die Lieder selbst, die für die Künstlerin sprechen. Auch wenn das Visuelle "eine große Rolle" für Graf spielt und sie ihre über 25.000 Follower auf Instagram an ihrem Leben teilhaben lässt, soll doch Substanz vor Image gehen. Graf versteht es, ein junges, weltoffenes Lebensgefühl in ehrlichen Pop zu gießen und "die Fühler weit auszustrecken", wie sie sagte, und Einflüsse aus R&B, Rap und Rock auf homogene Weise zuzulassen.

"Wenn dich etwas emotional berührt, dann ist es egal, ob das die Gitarre oder das Klavier macht", betonte die Kärntnerin. "Bei mir stehen immer Emotion und Inhalt im Mittelpunkt. Die Produktion soll den Inhalt des Songs unterstreichen. Wenn ich einen wütenden Song habe, dann will ich eine Rockgitarre dabei haben und echte Drums, bei einem ruhigen Song ganz viele Flächen und sphärische Elemente."

"Voll früh" habe sie gewusst, wo ihre Berufung liegt, lachte Graf, die auch Erfahrung als Model vorzuweisen hat. "Ich besuchte ein musikalisches Oberstufengymnasium, konkret mit dem Gedanken, dass ich etwas mit Musik weitermachen will. Ich habe lange getanzt und Schauspiel ausprobiert, angefangen viel zu schreiben und in verschiedenen Bands gespielt. Ich habe jede musikalische Gelegenheit, die mir zugeflogen ist, angenommen. Ich bin froh, dass ich diesen organischen Aufbau hatte. Ich konnte gesund wachsen."

Esther Graf, die aus einer großen Familie mit vier Geschwistern stammt, ging nach Wien, dann nach Berlin: "Vor drei, vier Jahren hatte ich dort erste professionelle Songwriting-Sessions. Da konnte ich viel lernen. Ich schreibe auch für andere Künstler. Mittlerweile fällt es mir leicht, wenn ich eine Geschichte habe, diese in einen Song zu verpacken und die passenden Wörter zu finden, die einen berühren. Durch meine Arbeit mit Rappern bin ich durch die Reimeschule gegangen - ich weiß, welche man bringen kann und welche nicht."

Die EP "Red Flags" ist keine willkürliche Zusammenstellung von vier Liedern, sie habe "einen Spannungsbogen", so die junge Frau. "Ich habe eine Trennung durchgemacht, aus dieser Erfahrung Songs geschrieben und an das Team geschickt. Der Produktmanager meinte: 'Krass, du hast die Phasen der Trauer beschrieben.' Das hat sich als Konzept für die EP angeboten. Wenn ich einmal ein Album mache, soll es auch von vorne bis hinten Sinn ergeben."

Mit ihren Texten spricht Graf vielen Hörerinnen aus der Seele, das sei ihr bewusst: "Die EP sollte keine Abrechnung mit meinem Ex sein. Ich schrieb vielmehr darüber, wie ich mit der Trennung umgegangen bin, wie ich wieder zu mir selbst gefunden habe. Das Schlimmste an der Trennung war gar nicht, dass diese Person weg ist, sondern dass ich mit meinem Selbstwert am Boden war. Den wollte ich wieder zurückgewinnen, das ist der Kern der EP."

(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - www.instagram.com/itsesthergraf)

Quelle: Agenturen