Dylan-Musical bringt USA der 1930er nach Gmunden
"Girl from the North Country" führt nach Duluth, Minnesota, im Jahr 1934. Die Große Depression nach der schweren Wirtschaftskrise seit 1929 hat die USA im Griff, es herrscht verzweifelte Armut, nur langsam wirken die Gegenmaßnahmen des New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt. Ein Musical unter diesen Vorzeichen enthält kaum Glitzer, dafür aber viele persönliche Schicksale und düstere Geheimnisse, die in einer maroden Pension aufeinandertreffen. Das oft erwähnte stürmische Wetter prägt die düstere Stimmung mit. Der Erzähler - und Hausarzt - Dr. Walker (sicher: Paul Matic) beleuchtet immer wieder den Kontext und führt das Publikum in die Pension von Nick Laine (Johannes Zeiler). Seine Frau Elizabeth (Elisabeth Sikora) ist dement, Sohn Gene (Aaron Karl) schreibt Geschichten und säuft, die angenommene Tochter Marianne (Tara Friese) ist nach einem Missbrauch im fünften Monat schwanger.
Langzeitgast und Witwe Mrs. Neilson (stimmgewaltig: Coreena Brown) tröstet Nick in ihrer Dachkammer und wartet auf ihr Erbe, von dem sie eine Zukunft mit Nick erhofft. Familie Burke, Vater Frank (Alex Herrig), seine Frau Laura (Tamara Pascual) und der beeinträchtigte Sohn Elias (Marcel-Philip Kraml), war einst wohlhabend, durch den Börsencrash verlor Frank jedoch sein Geschäft, und nun logieren sie in der Absteige, auf der Suche nach Schuldnern. Eines Nachts kommen zwei zwielichtige Gestalten, Boxer Joe Scott (Carlos de Vries) und Reverend Marlowe (Konstantin Zander), in die Pension. Schuhhändler Mr. Perry (Previn Moore) umwirbt mit Nicks Wohlwollen Marianne, Kate (Michaela Thurner, liefert in einem berührendem Solo den Titelsong) verlässt Duluth und Gene für einen Job in Boston.
Karl liefert gelungenes Musicaldebüt
Verzweiflung, wo man hinschaut, doch auch Träume und Ambitionen, von allen Darstellerinnen und Darstellern spielerisch stark umgesetzt. Sikora gibt eine bezaubernd unschuldige Demenzkranke, die in luziden Intervallen ihrem Gatten ordentlich einheizt. Zeiler - in einer reinen Sprechrolle - verkörpert den verlebten Pensionswirt, der trotz allem das Beste für seine Lieben will. Frieses Marianne ist stark, wo andere sie schwach sehen wollen, und geht mit dem sehr überzeugenden Boxer de Vries ihren eigenen Weg nach Chicago. Aaron Karl reüssiert in seinem Musicaldebüt als saufender, suchender Sohn. Stimmlich sind alle der Herausforderung - teilweise mehr als - gewachsen, es gibt immer wieder Applaus. Die Livemusik trägt viel zu der exklusiven Stimmung bei, die Band mit Leader Jürgen Goriup, Katarina Kozurikova, Josef Stranik, Stepan Botos und Tomas Cvejn interpretiert die Dylan-Songs mit viel Gefühl.
Starke Gruppenszenen
Gut tun dem Musical die wenigen, starken Gruppenszenen, etwa wenn Sikora bei "Like a Rolling Stone" doch Glitzerhandschuhe überzieht oder De Vries "Hurricane" anstimmt und auf der Bühne gut durchchoreografiertes Leben aus Tanz, Kartenspiel und Plaudereien übernimmt. Die Bühne (Olzinger) zeigt das Ess-/Wohnzimmer der Pension mit Ohrensessel und Sofa. Die Blumentapete hinten wird als Projektionsfläche genutzt, lässt mitunter das Geschehen dahinter durchscheinen und gibt zum Schluss den Blick auf ein Bergpanorama am Wasser frei. Die Kostüme (Julia Pschedezki) sind stimmig, der Zeit angepasste Hosenträger und Dreiteiler, lange Röcke dominieren das Bild.
Die Große Depression, Betrug und Erpressung, Rassentrennung, Missbrauch, Kinder, die verschwinden, alles keine Themen für einen heiteren Abend. Es ist eine Aufführung, die einen noch beschäftigt, wenn man den Saal verlässt und die geneigt ist, Demut und Zufriedenheit zu verbreiten. Die unterschwellige Botschaft des Musicals liefert das starke Schlussbild - nach den Bravorufen und dem Applaus im Stehen - mit Coreena Browns "Gib nicht auf", dem sich das ganze Ensemble anschließt.
(Von Ulrike Innthaler/APA)
(S E R V I C E - "Girl from the North Country", Musical von Conor McPherson und Bob Dylan in dt. Übersetzung von Elisabeth Sikora, deutschsprachige Erstaufführung im Stadttheater Gmunden. Regie und Bühnenbild: Markus Olzinger, Musikalische Leitung: Jürgen Goriup, Choreografie: Amy Share-Kissiov, Kostüme: Julia Pschedezki. Mit unter anderem Johannes Zeiler - Nick, Elisabeth Sikora - Elizabeth, Tara Friese - Marianne, Aaron Karl - Gene. Weitere Aufführungen am 28., 29. März sowie am 5., 6., 10., 11., 12., 17. und 18. April. www.musical-gmunden.com )
Zusammenfassung
- Das Musical "Girl from the North Country" feierte am Freitag seine deutschsprachige Erstaufführung beim Musical Frühling im Stadttheater Gmunden.
- Die Handlung spielt 1934 im von Armut geprägten Duluth, Minnesota, und thematisiert persönliche Schicksale während der Großen Depression.
- Das Stück umfasst 20 Songs von Bob Dylan, das Buch stammt von Conor McPherson und wurde von Elisabeth Sikora ins Deutsche übersetzt.
- Die Inszenierung beeindruckt mit starken Darstellerleistungen, authentischer Livemusik und einer atmosphärischen Bühnen- und Kostümgestaltung.
- Weitere Aufführungen sind am 28., 29. März sowie am 5., 6., 10., 11., 12., 17. und 18. April geplant.
