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Die documenta fifteen setzt auf Kunst als Mittel zum Zweck

16. Juni 2022 · Lesedauer 3 min

Es hat etwas Kurioses: Ausgerechnet eine Kunstausstellung stellt die Frage, ob Kunst tatsächlich so wichtig ist, wie getan wird. Weil diese Frage aber nicht auf irgendeiner Kunstausstellung gestellt wird, sondern auf jener, die in der Nachkriegszeit dazu diente, Dinge neu zu vermessen, Relevanzen zu ordnen und Karrieren zu starten, haben wir es keineswegs mit einem Kuriosum zu tun. Geht es nach den Kuratoren der documenta fifteen, erhält Kunst gerade eine neue Bedeutung.

Bei der Ausstellung, die am Samstag in Kassel eröffnet wird, steht die Kunst nur noch selten einfach für sich und muss niemandem etwas beweisen. Meist wirkt sie aus ihrem Kontext heraus - aus ihrer politischen, geografischen oder sozialen Position, ist aktivistisch oder anstößig, möchte etwas aufzeigen, bewirken, in Gang setzen. Kunst nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck. Ihre Intention ist emanzipatorisch. Der Wert eines Kunstwerkes wird nicht vom Markt, sondern am Marktplatz bestimmt, wird nicht einem Einzelnen (bzw. dessen Händler) gezahlt, sondern eingezahlt in das Gemeinsame, ob man das nun als Wertekanon oder Reisscheune bezeichnen möchte.

Dass Kunst in diesen Kontext gestellt wird, ist nicht neu. Auch nicht in Kassel, wo Joseph Beuys, der Apologet des erweiterten Kunstbegriffs und der Sozialen Plastik, 1982 auf der documenta seine legendären 7.000 Eichen pflanzte. Und bei mancher Arbeit, die hier Brache mittels Natur in Kunst verwandelt, fühlt man sich an Lois Weinberger erinnert, der 1997 auf einem stillgelegten Gleis des Kulturbahnhofs Neophyten aus Süd-und Südosteuropa pflanzte. Nun ist der globale Süden dazu angetreten, den Kunstkompass neu einzustellen. Gezeigt wird, dass Kunst nur dann zur Krisenbewältigung etwas beitragen kann, wenn sie nicht mehr abgehobenes Spielzeug der Eliten, sondern Teil der Gesellschaft ist. Das ist nicht Humbug sondern Lumbung.

Auffällig ist, dass unter diesen Aspekten die Frage der Qualität so gut wie keine Rolle mehr spielt. Die Diskussion, was bessere und was schlechtere Kunst ist, scheint in dieser Solidargemeinschaft nicht mehr geführt zu werden. Aber müssen die lebensgroßen, bunten Pappkartonfiguren des indonesischen Kollektivs Taring Padi, die auf dem Friedrichsplatz so spielerisch wie plakativ ihre Anliegen verkünden und wohl zu einem der begehrtesten Fotomotive dieser documenta werden dürften, schon deshalb gute Kunst sein, weil sie wirksame Kunst sind? Mit der documenta ist auch die Diskussion eröffnet. Gut möglich, dass auch nach 100 Tagen keine schlüssige Antwort darauf gefunden wird. Aber sollte die Welt am Ende durch schlechte Kunst besser werden, wäre das auch kein Malheur.

(S E R V I C E - https://documenta-fifteen.de/)

Quelle: Agenturen