APA - Austria Presse Agentur

"Burt Turrido. An Opera" von Nature Theater of Oklahoma

27. Aug 2021 · Lesedauer 3 min

Der Höhepunkt ist das Gespenster-Ballett. Die Geister tragen Leintücher mit großen Augenöffnungen und machen sich Gedanken über die Grenzen von Leben und Tod. Grenzüberschreitung ist geradezu das Markenzeichen von "Burt Turrido. An Opera", der kürzlich in Groningen uraufgeführten neuen Produktion des Nature Theater of Oklahoma, die am Donnerstag im Wiener Theater Akzent ihre Festwochen-Premiere feierte. Auch zeitliche Grenzen kennt man nicht. Der Abend ist lustig, aber lang.

Fast vier Stunden wären im Genre Oper an sich kein Problem, denkt man etwa an Richard Wagner, dessen "Fliegender Holländer" dem Team um Kelly Copper und Pavol Liska als eine der Inspirationsquellen gedient haben dürfte. Problematisch wird es, wenn die endlose Wiederholung in Musik und Choreografie zum Stilprinzip erhoben wird. Dann wird der obendrein noch FFP2-maskierte Besucher nach einem langen Arbeitstag irgendwann sehr, sehr müde.

Dabei tut sich handlungsmäßig allerhand. Ein Schiffbrüchiger wird von Wassergeist Emily vor dem Ertrinken gerettet und gemeinsam mit viel Müll an den Strand einer einst blühenden Insel gespült, die vom Klimawandel nahezu unbewohnbar gemacht wurde und auf der Queen Karen und King Bob ihr Bananenkönigreich errichtet haben. Bananen gibt es freilich längst nicht mehr, und der als Sklave eingestellte Findling, der auf den Namen Burt Turrido getauft wird, serviert als allerletzte Vorräte aus der Speisekammer Schnitzel vom Beluga-Wal. Der Titelheld soll auch als Samenspender fungieren, um den Fortbestand der Dynastie zu sichern, weigert sich und macht im Verlies Bekanntschaft mit einem weiteren Gefangenen namens Joseph, der offenbar der Mann von Emily ist, die einst auf einem Flüchtlingsboot, auf dem auch Karen und Bob waren, über Bord ging und ertrank. Und so weiter und sofort.

Es geht also um ewige Motive und aktuelle Inhalte: Migration, Klimawandel, Kritik an Autoritarismus und Kolonialismus - alles da! Der Witz liegt in der handgestrickten Ästhetik (Bühne: Luka Curk, Kostüme: Anna Sünkel), die mit verschiebbaren Prospekt-Vorhängen, bewegbaren Karton-Wellenkämmen und einem herabschwebenden Ufo an Laienspielaufführungen erinnert. Den Kern dieser frechen Produktion, die mehr ist als bloße Genre-Parodie und von einem darstellerischen Quintett (Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Bence Mezei und Kadence Neill) auf der Bühne brillant umgesetzt wird, nimmt aber das musikalische Verfahren ein.

Todernst wird das von Kelly Copper und Pavol Liska geschriebene Libretto meist in einer Art Sprechgesang zu vom Tonband kommender Country-Musik vorgetragen, stets untermalt von entsprechenden Tanzschritten. Statt zwischen Sprechszenen, Arien, Duetten und Choreinlagen zu wechseln und die Handlung mitunter auch mal rein musikalisch weiterzutreiben, sind hier gelegentliche Rhythmusbrüche zwischen Western, Hillbilly, Swing, Nashville Sound und Rockabilly (und wie sie alle heißen mögen) das höchste der Gefühle.

Die lustigsten Ideen können freilich auch zu Tode geritten werden. Das lässt sich "Burt Turrido" nicht zweimal sagen: Am Ende sterben Karen und Bob, Letzterer begeht Selbstmord mit einem riesigen Narwal-Zahn, und Karens Baby (Spross einer unbefleckten Empfängnis) reitet auf dem Narwal in eine vielleicht glücklichere Zukunft. Und wenn es viel Glück hat, warten dort Sphärenklänge statt Westernmusik.

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: "Burt Turrido. An Opera" von Nature Theater of Oklahoma, Text, Regie: Kelly Copper, Pavol Liska, Bühne, Licht: Luka Curk, Musik: Robert M. Johanson, Sounddesign: Leon Curk, Kostüme: Anna Sünkel. Mit: Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Bence Mezei, Kadence Neill. Theater Akzent. Weitere Vorstellungen: 27., 29., 30.8., 19 Uhr. www.festwochen.at)

Quelle: Agenturen