Blutleer: "Zemlinsky"-Uraufführung in der Josefstadt
Schon die Bühne von Miriam Busch lässt die Diskrepanz von Aufwand und Wirkung erahnen. Die über die ganze Bühnenbreite reichende Treppe ist vollgeräumt wie in einem Möbellager. Ein schiefer Konzertflügel steht hier neben einem Aquarium, ein Schlagzeug neben einem Bügelbrett. Zwischen ihnen turnt ein vielköpfiges Ensemble, das nicht nur viele Figuren, sondern auch mehrere Lebensalter darzustellen hat.
Martin Vischer spielt den jüngeren Zemlinsky, einen selbstbewussten Komponisten, der sich zwischen Brahms und Wagner nicht entscheiden mag und seinen eigenen musikalischen Weg einschlägt, trotz seiner Verunglimpfung als hässlicher Zwerg erstaunlichen Erfolg bei den Frauen hat, aber für den Lebensalltag nicht gerade geeignet erscheint. "Zemlinsky kann warten", wird zum geflügelten Wort, und am Ende dieser Wartezeit steht nicht der Erfolg, sondern ein alter, gebrochener und gebrechlicher Mann, der im amerikanischen Exil nie glücklich wurde, und der von Günter Franzmeier berührend verkörpert wird.
Melanie Hackl ist die bezaubernde junge, Martina Ebm die besorgte ältere Version jener Frau, die es trotz aller Affären bis zum Schluss mit Alex ausgehalten hat. Louise ist es auch, die nach Jahrzehnten tatsächlich seinen letzten Wunsch erfüllt: "Sorg dafür, dass jemand meine Asche nach Wien bringt."
Stimmige Gesangseinlagen
Viele Episoden und viele Nebenfiguren reißen immer wieder etwas an, ohne es zu vertiefen. Zwei pausenlose Stunden Spielzeit können sehr lange werden. Regisseurin Mohr versucht das Ungleichgewicht von viel Gerede und wenig Handlung musikalisch auszugleichen. Sie hat Wolfgang Schlögl als musikalischen Leiter engagiert und setzt die Frauen im Ensemble (neben Ebm und Hackl auch Susa Meyer, Alexandra Krismer, Ulli Maier und Kimberly Rydell) in stimmigen Gesangseinlagen ein.
Etwas geht einem ab. Was das ist, bekommt man schlagartig in einer Szene vor Augen geführt, für die Robert Joseph Bartl zurecht den einzigen Szenenapplaus des Premierenabends erhält: Als sich auch im New Yorker Exil wie ein Zirkuspferd benehmende ältliche und aufgedonnerte Matrone Alma besucht er den einstigen Verehrer und hält ihm gnadenlos vor, dass von seinen Komponistenkollegen jeder etwas geworden sei: Erich Wolfgang Korngold hatte mit "Die tote Stadt" einen großen Erfolg und erhielt für seine Filmmusiken zwei Oscars, Ernst Krenek feierte mit "Jonny spielt auf" einen Triumph, und Kurt Weill schrieb an der Seite von Bert Brecht Theatergeschichte. Nur der Alex hat die Gefährtin der Genies enttäuscht.
Ein Schreckensmoment am Ende
Diese fünfminütige szenische Miniatur reißt ein ganzes Schicksal an und lässt jenes Blut spüren, das in dieser Aufführung sonst nicht einmal pulsiert, wenn Julian Valerio Rehrl als zumeist halbnackt agierender Gerstl seinem unglücklichen Leben ein Ende setzt. Sonst ist Markus Kofler neben den Protagonisten der einzige, dem es gelingt, aus wenig viel zu machen: Sein Arnold Schönberg lässt so manche Zerrissenheit erahnen.
Am Ende gab es höflichen Applaus und einen Schreckensmoment, als sich ein Rollstuhl verhängte und mit dem Bühnenvorhang hochgezogen wurde. Günter Franzmeier griff geistesgegenwärtig ein und erhielt dafür Extra-Applaus. Ob auch Felix Mitterer mit einem solchen bedacht worden wäre, lässt sich schwer einschätzen: Der Autor wurde beim Verbeugen von einer von der Regisseurin hochgehaltenen Namenstafel vertreten.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Zemlinsky" von Felix Mitterer, Regie: Stephanie Mohr, Bühnenbild: Miriam Busch, Kostüme: Nini von Selzam, Musikalische Leitung: Wolfgang Schlögl, Mit Günter Franzmeier, Martin Vischer, Martina Ebm, Melanie Hackl, Ulli Maier, Susa Meyer, Alexandra Krismer, Kimberly Rydell, Robert Joseph Bartl, Ulrich Reinthaller, Michael König, Markus Kofler, Julian Valerio Rehrl. Uraufführung im Theater in der Josefstadt. Nächste Vorstellungen: 20., 25., 28., 29.3., 1., 2., 4., 5., 25., 26.4., www.josefstadt.org )
Zusammenfassung
- Das Stück "Zemlinsky" von Felix Mitterer wurde am Donnerstag im Theater in der Josefstadt uraufgeführt und dauert zwei Stunden ohne Pause.
- Trotz eines aufwändigen Bühnenbilds, zahlreicher historischer Persönlichkeiten und stimmiger Gesangseinlagen bleibt die Inszenierung textlastig und wirkt wenig lebendig.
- Der einzige Szenenapplaus galt einer Szene mit Robert Joseph Bartl, während ein Zwischenfall mit einem Rollstuhl am Ende für Extra-Applaus sorgte.
