APA/APA/HERBERT P. OCZERET/HERBERT P. OCZERET

Biffy Clyro begeisterten im Wiener Gasometer

17. Sept. 2022 · Lesedauer 3 min

Wollen sie im Stadion spielen, oder ist ihnen die Bar an der Ecke doch näher? Bei Biffy Clyro ist es mit der Verortung so eine Sache: Das schottische Trio, das grundsätzlich aus der härteren, durchaus komplexen Strukturen zugeneigten Rocknische kommt, hat sich mit einem Händchen für große Refrains sukzessive ins Rampenlicht gespielt. Freitagabend bewies die Band im Wiener Gasometer, dass man eigentlich immer noch zwischen den Stühlen sitzt - und das ist auch gut so.

Dieses Frühjahr waren es 20 Jahre, dass das Debüt von Biffy Clyro - damals wie heute bestehend aus Sänger und Gitarrist Simon Neil sowie den Brüdern James und Ben Johnston an Bass und Schlagzeug - das Licht der Welt erblickt hat. Wer "Blackened Sky" heute hört, wird sich wohl ein wenig am Kopf kratzen, will man diesen Sound mit jenem unter einen Hut bringen, den die Gruppe seit einigen Jahren kultiviert hat. Regierten damals harte Riffs, eine Prise Grunge und reichlich schräge Einfälle, sind es nun die Mitsingabschnitte, die sich ins Gedächtnis einbrennen.

Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sich Biffy Clyro in diesen zwei Dekaden radikal verändert haben. Vielmehr war es eine stete Entwicklung, die Neil und Co eine immer größere Anhängerschar bescherte. Vor allem aber ist das Songwriting von Alben-Großtaten wie "Puzzle" (2007) oder "Only Revolutions" (2009) nicht kleinzureden: Hier treffen die rohe Kraft von Punk und Metal auf die Detailverliebtheit großer Alternativetage und den poppigen Einschlag den es braucht, um auch die größten Venues zu füllen.

Im Gasometer lag der Fokus auf dem innerhalb von knapp zwei Jahren vorgelegten Doppel "A Celebration of Endings" (2020) und "The Myth of the Happily Ever After" (2021), das auch gut die derzeitige Verfasstheit der Formation veranschaulicht. Während Songs wie "Tiny Indoor Fireworks" oder "Space" die tausendfach erprobte Mitmachsparte bedienten und sich als das kleine Einmaleins des eingängigen Rock präsentierten, knallten "End of" oder "Slurpy Slurpy Sleep Sleep" den rund 2.500 Köpfen im Publikum harte Riffs, überraschende Wechsel und schräge Harmonien um die Ohren.

So was geht gut? Aber natürlich! Das liegt natürlich auch am einnehmenden Charme von Simon Neil, der wie seine Kollegen nicht lange brauchte, um sich seiner Oberbekleidung zu entledigen. Nackte Haut gehört bei Biffy Clyro ebenso dazu wie himmlische Melodien, sei es das großartige, relativ früh gesetzte "Mountains" oder der quirlige Charme von "Bubbles". Wie sehr man auch im Mainstream aus der Reihe tanzen kannt, hat die Gruppe mit ihrer Seemannsnummer "The Captain" ebenfalls gut unter Beweis gestellt - da blieb kaum eine Kehle stumm, so lautstark waren die Zeilen in der an diesem Abend sogar annehmbar klingenden Gasometer-Halle zu vernehmen.

Aber wie passen da die abenteuerlichen Tattoos, all die musikalischen Haken und Wendungen hinein? Und wie der auf Überwältigung getrimmte Gestus? Die Antwort bleibt eine schwierige im Falle von Biffy Clyro. Die Schotten, die in ihrer Heimat noch mal ganz andere Massen anziehen, haben schon mehrfach ihr Potenzial für wirklich große Nummern bewiesen - das bestreitet wohl niemand, der sich in der kollektiven Glückseligkeit der Zugabe "Many of Horror" verloren hat. Ganz glattgebügelt bekommt man sie aber eben auch nicht. Letztlich bleibt nach diesem Abend kein großes Fragezeichen, sondern vielmehr eine Punktlandung: Einmal von allem etwas, aber das dafür mit viel Anspruch - das können Biffy Clyro immer noch wie nur wenige andere.

Quelle: Agenturen