"Benamor" in Wien: Orientalischer Gendertrouble
Loy bricht nicht mit der Zarzuela, will aus ihr nicht mehr machen, als sie ist. Und so gelingt eine durchaus stimmige, wenn auch nicht überwältigende Österreichische Erstaufführung des Stücks nach 103 Jahren. Die fragwürdigste Entscheidung des 63-jährigen deutschen Theatermachers ist dabei, nicht nur die Musik des Werkes im spanischen Original zu belassen - sondern auch die langen Sprechpassagen.
Immer wieder beschleicht einen als Nicht-Spanischsprechender der Verdacht, dass der eine oder andere Satz im Original mutmaßlich eine Doppeldeutigkeit enthalten könnte, die in den nüchternen deutschen Übertiteln notwendigerweise verloren geht. So wird manche Anzüglichkeit oder Wuchtel liegengelassen, geht manch Anspielung und Körperhumor der charmanten Darsteller ins Leere, da das Publikum gebannt an den Übertiteln hängt.
Der rare und kurze Blick nach unten auf die Bühne offenbart dann dank der Kostüme von Barbara Drosihn 50 Shades of Altrosa, in die die Geschichte um den Sultan von Persien gekleidet ist. Der sucht für seine Schwester einen Prinzen, wobei die Geschwister von der Mutter im jeweils anderen Geschlecht aufgezogen wurden, um dem Hofzeremoniell zu entsprechen, dass der Erstgeborene stets ein Bub, das zweite Kind ein Mädchen sein muss.
Gender-Switch auf die Spitze getrieben
Diesen Gender-Switch dreht Loy noch um eine Windung weiter, indem er Sultan Dario nicht mit einer Frau besetzt, sondern dem italienischen Counter Federico Fiorio. Nun spielt also ein Sopranist mit weiblichem Timbre eine Frau, die als Mann aufgewachsen ist und dem potenziellen Liebhaber ihrer Schwester Benamor, die aber eigentlich ein Mann ist, als Mann vorspielt, wie sich eine Frau zu verhalten habe.
Als Draufgabe gibt es einen Großwesir (David Alegret), der nach dem Sex für mehrere Stunden taub wird, drei Brautwerber mit jeweils eigenen Themen, einen ganzen Harem und eine rührige Sultan-Mutter. Die wird mit Verve von Zarzuela-Veteranin Milagros Martin gespielt, die zu Beginn gar ins Auditorium für einen Prolog zur Einstimmung kommt. In Summe steht also viel Personage auf der Bühne - und steht oftmals im wörtlichen Sinne zu verstehen.
Das Tohuwabohu inszeniert Loy über weite Strecken im Stile eines orientalischen Volksstücks, wovon er lediglich beim bekanntesten Stück der "Benamor", dem "Danza del Fuego", abweicht. Hier wechselt der Regisseur die Tonalität, setzt auf die für ihn typischeren monochromen, leeren Räume, überlässt den Tanzenden das Feld.
Strauss und Anton aus Tirol
Musikalisch wird bei der Operette dabei der Tanzkosmos der 20er-Jahre durchmessen und mit leichten Orientalismen versetzt. Strauss' "Also sprach Zarathustra" kommt ebenso zu einem kurzen Einsatz wie Motivik, die irritierend an "Ich bin der Anton aus Tirol" erinnert, wobei hier relativ klar sein dürfte, wer von wem abgekupfert hat. Vieles würde auch in Stücken der Silbernen Operettenära seinen Platz finden.
Marina Monzó hat als Benamor dabei fraglos die reifste Stimme der Besetzung, die in Summe einen ebenso unterhaltsamen wie letztlich harmlosen Abend gestaltet. Dass - wie angeblich bei der Uraufführung ob des tosenden Applauses - jede Nummer nochmals wiederholt worden wäre, braucht man bei dem dreistündigen Stück dann aber auch nicht unbedingt.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Benamor" von Pablo Luna im Musiktheater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des RSO: José Miguel Pérez-Sierra, Regie: Christof Loy, Bühne: Herbert Murauer, Kostüm: Barbara Drosihn. Mit Benamor - Marina Monzó, Darío - Federico Fiorio, Nitetis - Sofía Esparza, Pantea - Milagros Martín, Abedul - David Alegret, Juan de León - David Oller, Rajah-Tabla - Alejandro Baliñas Vieites, Jacinto - César Arrieta, Alifafe - Francisco J. Sánchez, Babilón - Joselu López, Cachemira - Nuria Pérez, Tanzende - Margarida Abreu, Gorka Culebras, Laura García Aguilera, Joni Österlund, Carla Pérez Mora, Bernardo Ribeiro, Alberto Terribile und Chiara Viscido. Weitere Aufführungen am 25., 27. und 29. Jänner sowie am 1., 3., 5. und 7. Februar. www.theater-wien.at )
Zusammenfassung
- Nach 103 Jahren wurde die Zarzuela "Benamor" von Pablo Luna am Freitagabend erstmals in Österreich im Musiktheater an der Wien aufgeführt.
- Regisseur Christof Loy setzte auf die spanische Originalsprache für Musik und Sprechpassagen, was für nicht-spanischsprachige Besucher teils Verständnisprobleme und den Verlust von Wortwitz bedeutete.
- Die Inszenierung thematisiert Genderrollen und -wechsel, wobei der Sultan von einem Countertenor gespielt wird und die Handlung mit einem Gender-Switch auf die Spitze getrieben wird.
