APA/APA/Landestheater NÖ/Alexi Pelekanos

Bejubelte Frank Castorf-Inszenierung in St. Pölten

30. Jan. 2022 · Lesedauer 3 min

Wer hätte es gedacht: Im Landestheater NÖ in St. Pölten landete am stürmischen Samstagabend die Uraufführung "Schwarzes Meer" von Irina Kastrinidis in der Inszenierung von Frank Castorf einen bejubelten Erfolg. Wesentlichen Anteil daran hat die intensive schauspielerische Leistung von Julia Kreusch, die als Eleftheria zweieinhalb Stunden lang den Abend trägt.

Der Beginn ist relativ prosaisch: Kreusch und Regieassistent Sebastian Schimböck tragen Tisch und Sessel auf die Bühne, die von einem papierenen Gebirge dominiert wird (Aleksandar Denic hat auch Castorfs aktuelle Wiener Produktionen gestaltet). Kreusch alteriert sich darüber, dass auf dem Tisch eine grüne statt der roten Mappe liegt. Schimböck beeilt sich, die richtige Mappe herbeizuholen. Es wird eine spannungsgeladene Metabeziehung bleiben und damit eine von mehreren amüsanten Rahmenebenen bilden. Später wird Schimböck sogar als Nachfolger der amtierenden künstlerischen Landestheater-Leiterin Marie Rötzer präsentiert. Soll noch jemand behaupten, Castorf hätte keinen Humor.

Der Dritte im Bunde taucht als Außerirdischer im weißen Astronautenanzug auf und entpuppt sich als Mikis, zwölfjähriger Sohn von Autorin und Regisseur. Er gewinnt im Nu alle Sympathien, kickt Polster ins Publikum, rezitiert ganze Textabschnitte mit Bravour und lässt auch sein Schwyzerdütsch hören: Dieser junge Mann gerät seinen Eltern nach, so viel ist sicher. Außerdem tritt er mit einer Ziege namens Peter auf - tja, Kinder und Tiere kommen bekanntlich gut über die Rampe, das weiß natürlich auch Regie-Meister Castorf, ohne dessen Zutaten der zwar bilderreiche, dichte und poetische Text doch etwas sperrig für die Bühne wäre.

Der Text also: Im Grunde kein Theatertext, sondern ein epischer Fließtext, ein Monolog in historisierendem Versmaß, was gehöriges Pathosrisiko enthält. Das durchbricht Castorf, der dem "hohen Ton" durchaus Respekt entgegenbringt, durch etliche Einschübe, Zwischentexte, Brechungen, da wird etwa Sirtaki getanzt (überhaupt gibt es viel musikalischen Hintergrund) und auch immer wieder geblödelt, etwa in vorgeblichen Telefongesprächen mit der Autorin, was dem an sich schwermütigen Inhalt humoristische Lichter aufsetzt. Denn es geht um nichts weniger Tragisches als die Ermordung und Vertreibung der Pontos-Griechen durch die Türken im Jahr 1923 - hier setzt sich die Autorin auch mit der eigenen familiären Geschichte auseinander - und um scheinbar ganz Privates wie Liebe, Erinnerung, Hoffnung, auch um mythische Künstlerpaare wie Alain Delon und Romy Schneider oder Jane Birkin und Serge Gainsbourg.

Kreusch leistet Enormes, schlüpft in unzählige Situationen, Emotionen, stellt Traumatisierungen auf beklemmende Weise dar, indem sie etwa wie eine Ziege zu meckern beginnt oder den Kopf wie bei einer Scheinertrinkung in einen Wasserbottich taucht und dabei rezitiert. Schließlich wird sie - typisch Castorf - von Videokameras verfolgt und steht als Flüchtling samt Koffer verloren da. Das Finale mündet in eine Kasperliade, Eleftheria hält Konversation mit einer Handpuppenfigur, der Dialog wird stumm weitergeführt, das Telefonat mit Vergangenheit und Zukunft ist beendet, das letzte Wort lautet "Nun?" - eine berechtigte Frage.

Das St. Pöltner Premierenpublikum zeigte sich beeindruckt. Zu den Harmonien einer duftigen Version von "Hey Joe" im Nachspann nahmen die Mitwirkenden den Beifall entgegen: Ein später Triumph für das einst so angefeindete "Regietheater" nun auch in der sogenannten Provinz.

(S E R V I C E – Irina Kastrinidis: "Schwarzes Meer". Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik und Video: Martin Andersson. Mit Julia Kreusch, Mikis Kastrinidis, Sebastian Schimböck. Uraufführung am Landestheater NÖ, St. Pölten, weitere Vorstellungen: 25.2., 10.3., 16.3., Tickets und Information: Tel. 02742/908080-600, www.landestheater.net)

Quelle: Agenturen