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Behemoth-Sänger Nergal will "radikalen Inhalt" verbreiten

19. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Er ist ein Charakterkopf, wie er im Buche steht: Adam Nergal Darski hat mit seiner Band Behemoth in den vergangenen Jahrzehnten die Metalszene maßgeblich geprägt, sich aber auch abseits vom höllischen Inferno auf der Bühne als provokative und gesellschaftskritische Stimme etabliert. Beides stellte er jüngst mit dem zwölften Album "Opvs Contra Natvram" wieder unter Beweis. "Für mich ist Kunst am effektivsten, wenn sie gefährlich und skandalös ist", so der polnische Musiker.

Entstanden sind die zehn neuen Songs während der Coronapandemie, was Nergal vom sonst üblichen Zeitdruck befreite. "Es gab einfach keine Deadline", erklärte er im APA-Interview. "Ich habe über die Musik, über die Texte in aller Ruhe nachgedacht, weshalb die Songs auf eine sehr organische Weise, ohne jeglichen Stress aus mir herausgekommen sind. Aber unterbewusst machst du dir natürlich Druck. Und alles, was von außen kam, was uns beeinflusst hat, steckt natürlich da drin. Das Album wurde geboren aus Misanthropie und Isolation. Deshalb klingt es wohl auch sehr düster und ernst."

Seine Rolle als Künstler versteht der 45-Jährige in einer äußerst aktiven Auslegung, bei der keine Risiken gescheut werden. "Ich denke da immer an einen Satz, den ich einmal gelesen habe: 'Wenn du es zu bequem hast, bist du in Gefahr.' Das gefällt mir." Für ihn gehe es darum, "etwas zu machen, das von Bedeutung ist. Ich will keinesfalls in einer Band sein, bei der es um nichts geht." Natürlich könne Musik auch Unterhaltung sein, "das ist völlig in Ordnung. Aber wir nennen unsere Musik aus einem bestimmten Grund extrem: Sie muss einfach diesen radikalen Inhalt verbreiten. Und das haben wir geschafft."

Dem kann man nur zustimmen: Mit seiner gegen viele gesellschaftliche Konventionen ankämpfenden Einstellung, mit der er sich nicht zuletzt die Kirche in Polen zum Feind gemacht hat, gleichzeitig aber auch für Frauenrechte eintritt, eckt Nergal regelmäßig an. Nicht nur einmal stand er deshalb auch vor Gericht. Verbiegen lasse er sich deswegen aber keineswegs. "Es fühlt sich gut an, vollkommen aufrichtig zu sein, wenn du der Welt begegnest", betonte der Sänger. "Ich bin kein Heuchler, was das anbelangt. Ich habe ein reines Gewissen."

Was nicht bedeutet, dass er keine Fehler gemacht habe in seinem Leben. "Aber ich bin eine Ja-Person. Ich bin sehr spontan und tue oft Dinge, bevor ich nachdenke. Das passt meist nicht mit den heutigen Standards zusammen. Damit meine ich etwa die Cancel Culture oder Political Correctness. Im öffentlichen Diskurs gibt es ja quasi keinen Humor mehr, keine Nuancen", echauffierte sich Nergal. "Aber ich bin ein Fan davon! Ich sage gerne provokative Sachen." Ein Vorbild in dieser Hinsicht sei der britische Komiker Ricky Gervais. "Er sagt all das, was ich mir auch denke, ohne dafür angeklagt zu werden", schmunzelte der Musiker. "Offenbar ist er viel intelligenter als ich und deshalb ein guter Lehrer."

Besonders mit Social Media und vielen medialen Ausprägungen der heutigen Zeit hat Nergal ein massives Problem. Sich den unterschiedlichen Vorgaben der Plattformen zu unterwerfen, sei "einfach beschissen. Aber ich finde sicher einen Weg, dennoch meine Haltung deutlich zu machen. Wir sind als Menschen ganz generell zu weich und schwach geworden", redete er sich in Rage. Er vermisse das "Rückgrat", um auch Witze auf Kosten der Herkunft oder sexuellen Orientierung eines Menschen auszuhalten. "Das sind doch die Nuancen, wo es spannend wird", meinte Nergal - wobei der Respekt vor der jeweiligen Person wesentlich sei.

Andererseits würden viele Dinge über ihn aus dem Zusammenhang gerissen, sprach er etwa die Antifaschistische Aktion in Deutschland an. "Sie haben mal ein Foto von mir in einer Nazi-Uniform ausgegraben und mich als Faschisten bezeichnet. Dabei habe ich da in einer Komödie gespielt, in der Nazis als Idioten dargestellt wurden. Aber was machen sie? Sie sehen dieses Foto und stempeln mich ab. Wie dumm ist das denn? Ihre Agenda ist ja gut, aber ich bin letztlich sicher ein größerer Antifaschist als alle diese Idioten zusammengenommen."

Zurück zur Musik: Neues zu finden, werde für ihn durchaus schwieriger. "Es ist schon herausfordernd", verwies Nergal auf seine mittlerweile 30-jährige Bandkarriere mit Behemoth. "Du willst dich ja selbst, aber auch das Publikum überraschen. Natürlich verwende ich ähnliche Leitmotive in meinem Schreiben, aber jedes Mal geht es um eine andere Herangehensweise und einen neuen Blickwinkel. Das beginnt schon beim Vokabular, an dem ich sehr intensiv arbeite." Er hoffe, dass die Leute es auch zu schätzen wissen, dass seine Texte mittlerweile deutlich tiefer gehen. "Gerade in einer Welt, in der alles so schnell und flüchtig ist."

Bestand haben jedenfalls die opulenten Liveshows von Behemoth, wie auch am gestrigen Dienstagabend im Wiener Gasometer deutlich wurde. Nergal und Kollegen bieten eine theatrale, bitterböse Inszenierung, die ihresgleichen sucht. Letztlich hänge alles, von der Musik über die Texte und dem Artwork bis zu Videos und Merchandise, zusammen. "Es funktioniert nur in dieser Kombination, du kannst es nicht in Einzelteile zerlegen", nickte der Musiker. Je länger er an diesem Lebenswerk feile, umso elaborierter werde es. "Ich komme immer tiefer in den Wald, und je mehr Bäume du siehst, umso mehr Möglichkeiten bieten sich." Was aber nicht bedeutete, dass er vom Hauptpfad zu weit abweiche. "Es ist eine abenteuerliche Reise, aber wir bewegen uns natürlich innerhalb eines bestimmten Spektrums - es ist ja kein Reggae-Album, Gott bewahre!", stieß er einen herzhaften Lacher aus.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.behemoth.pl)

Quelle: Agenturen