Beckermanns "Wax & Gold": Kleine Philosophie im großen Hotel
Wobei, verortbar ist "Wax & Gold" im Konkreten wie nur wenige Filme. Er spielt zur Gänze im großen Businesshotel der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, in den 60ern vom damaligen Kaiser Haile Selassie als Zeichen des Aufbruchs und der Machtdemonstration erbaut. Hier schlägt Beckermann ihre Zelte auf - und wird diese bis auf wenige Minuten am Ende des Films auch nicht wieder verlassen.
Anfangs erzählt die 73-jährige Regisseurin aus dem Off von ihrem Plan, der einstigen Kindheitsfaszination für den damals als exotisch empfundenen Kaiser von Äthiopien nachzugehen. Man brauche eben oft einen Vorwand für ein neues Projekt. Aber letztlich wisse sie selbst nicht recht, weshalb sie hier ist. Dem Publikum dürfte es in weiten Teilen leider nicht anders gehen.
Ein gewisser roter Faden für Beckermann stellt das in den 80ern erfolgreiche Buch "König der Könige" des polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński über Selassies Regierungssystem dar. Übersetzt wurde diese Analyse der Macht einst vom im Vorjahr verstorbenen Martin Pollack, dem "Wax & Gold" auch gewidmet ist. Der Filmtitel referenziert dabei auf eine literarische Technik in Äthiopien, das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich meint.
Ein Sammelsurium der Impressionen
Dies kann man Beckermann mutmaßlich nicht vorwerfen, sammelt sie doch über den Film hinweg verschiedene Impressionen, Perspektiven, Archivaufnahmen. Sie spricht mit dem Wahlwiener Pianisten Marino Formenti, der im Hotel weilt, dem einstigen Bauleiter, dessen Vorfahren noch vor Mussolinis Angriff auf Äthiopien aus Italien eingewandert sind, lädt Studierende zu einer Diskussion ins Haus, parliert mit Geschäftsleuten.
Beckermann lässt Fremdheit zu, konstruiert mosaikmäßig ihr eigenes Bild, schafft schlaglichtartige Einblicke in die Vergangenheit und Gegenwart des Landes, in dem sie sich gerade befindet. Sie lässt dabei Widersprüche stehen, gibt keine endgültigen Antworten, bleibt entsprechend wenig konzise. "Wax & Gold" ist letztlich die Dokumentation einer Selbsterfahrung, deren Erkenntniswert für Außenstehende aber begrenzt bleibt. Ganz am Ende erst filmt Beckermann außerhalb des Hotels, gibt aus dem fahrenden Auto heraus ein paar Eindrücke des Alltags in Addis Abeba. Und die hallen beinahe länger nach als die eineinhalb Stunden zuvor.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - www.berlinale.de/de/2026/programm/202610513.html )
Zusammenfassung
- Der Dokumentarfilm "Wax & Gold" der 73-jährigen Ruth Beckermann feierte am Sonntag seine Weltpremiere auf der Berlinale und spielt ausschließlich im Hilton Addis Ababa, das in den 1960ern vom Kaiser Haile Selassie erbaut wurde.
- Der experimentelle Film bleibt größtenteils im Hotel, verlässt es erst am Ende kurz für Eindrücke aus Addis Abeba und wird als philosophisches Selbsterfahrungsstück mit begrenztem Erkenntniswert für Außenstehende beschrieben.
