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Autor Gauß interessiert auch "das rebellische Österreich"

16. Feb. 2026 · Lesedauer 5 min

Der Salzburger Publizist und Essayist Karl-Markus Gauß hat ein neues Buch veröffentlicht. In "Die Liebe kommt immer zu spät" schildert er drei Reisen nach Slowenien, Bosnien und in die Obersteiermark.Vor dem Erscheinen des Buches beantwortete er der APA per Mail einige Fragen.

APA: Herr Gauß, "Die Liebe kommt immer zu spät" klingt furchtbar traurig. Was bedeutet der Titel Ihres neuen Buches, verfasst von einem seit vielen Jahren doch glücklich Verheirateten?

Gauß: Der Satz ist ein Zitat aus einem Brief meines verstorbenen Freundes, des großen bosnischen Schriftstellers Dževad Karahasan, und er bezieht sich auf die Politik, nicht auf das Liebesleben. Auf meine Frage, wie sich das jugoslawische Desaster mit dem Krieg, all der Zerstörung und dem Leid hätte vermeiden lassen, hat er geantwortet: Wir alle hätten uns selbst und unsere Nachbarn mehr lieben müssen, aber die Liebe kommt immer zu spät!

Den Wert eines sozialen Systems erkennen viele erst, wenn sie es zerstört haben oder haben zerstören lassen. Siehe heute die amerikanische Demokratie von gestern. Wie sich die Dinge in meiner teuren Heimat entwickeln, werden wir in ein paar Jahren vielleicht auch um manches trauern, was wir hätten entschiedener verteidigen müssen. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Auch die schlechteste Wendung der politischen Dinge darf uns nicht dazu verführen, unseren Anspruch auf ein gutes Leben preiszugeben.

APA: In Johannes Holzhausens Porträtfilm "Schlendern ist mein Metier" gewähren Sie Einblick in Ihre Materialsammlungen, von denen nicht immer ganz klar ist, was aus ihnen später wird. Wie kam es zum Entschluss, genau diese drei Reisen in ein gemeinsames Buch zu fassen?

Gauß: Das Buch ist keine beliebige Sammlung von drei Reisegeschichten. Im Ton und in der Anlage, man könnte vielleicht sagen: in der Haltung, die der Autor zu seinem Stoff und seinen Figuren einnimmt, bilden sie eine Art Triptychon mit der umfangreichen bosnischen Reise in der Mitte. Es geht in allen drei Geschichten um Menschen, die nationale, politische, sexuelle Verfolgung und Drangsal erlitten. Doch vor dem düsteren historischen Hintergrund figurieren sie nicht als bloße Repräsentanten, sie sind vielmehr unverwechselbare Individuen, deren Lebensgeschichten mich fasziniert und erschüttert, in gewissem Sinne aber auch ermutigt haben.

"Habe noch keinen altersmilden Frieden mit meinem Land geschlossen"

APA: Dass Sie nach Ljubljana, Celje, Slovenj Gradec oder nach Sarajevo, Mostar, Banja Luka reisen, wird niemanden überraschen - aber was führte Sie nach Bruck an der Mur?

Gauß: Ich habe vor einigen Jahren fast erschrocken bemerkt, dass ich in etlichen Regionen an den Rändern Europas häufiger unterwegs war als in Österreich. Ich habe das tatsächlich wenn nicht als Makel, so doch als Versäumnis empfunden. Und mir vorgenommen, mich genauer in Österreich umzusehen, denn auch in der fremden Nähe gibt es genug zu entdecken, das es wert ist.

APA: Im erwähnten Film bekommt man den Eindruck, mit Österreich hätten Sie noch ein paar Rechnungen bzw. Bücher offen. Ist das so?

Gauß: Ja, und zwar in Wohl und Wehe. Ich habe noch keineswegs meinen altersmilden Frieden mit meinem Land geschlossen. Aber: Ich möchte, was das vielgestaltige, soziale, rebellische Österreich betrifft, das es auch gibt und das notorisch unterschätzt wird, nicht eines Tages sagen müssen: Die Liebe kommt immer zu spät.

"Die politischen Totengräber der österreichischen Demokratie setzen auf den Hass"

APA: Auf Ihrer Reise nach Sarajevo im Mai 2023 erfuhren Sie vom Tod Ihres Freundes, des Autors Dževad Karahasan. Sie zitieren viel aus seinen Werken, u.a. "einen Satz von universeller Gültigkeit", wie Sie schreiben: "Du brauchst den Leuten weder Brot noch Wasser zu geben, überzeuge sie nur, dass jemand schlechter ist als sie, und gib ihnen das Recht, ihn zu treten, sie werden dir ergeben sein." Wie aktuell ist dieser Satz heute - und was lässt sich dagegen tun?

Gauß: Der Satz ist aktueller denn je. Dževad hat sich als spiritueller Mensch und großartiger Erzähler aus ganz anderen Voraussetzungen als ich entwickelt. Aber in manchem waren wir völlig einer Meinung, so hat er meiner Charakterisierung des Faschisten sofort zugestimmt.

APA: Welcher?

Gauß: Der Faschist sehnt sich nicht danach, dass es ihm selbst besser, sondern dass es anderen schlechter geht, dass es anderen ganz schlecht ergeht. Auch wenn er selbst nicht das Geringste davon hat. Die politischen Totengräber der österreichischen Demokratie wissen das, sie setzen daher auf den Hass, und zwar vor allem auf den Hass gegen die da unten und gegen alle, von denen sie wünschen, dass sie nie mehr Selbstbewusstsein zeigen dürfen.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Karl-Markus Gauß: "Die Liebe kommt immer zu spät. Drei Reisen", Zsolnay Verlag, 138 Seiten, 24,70 Euro, ISBN 978-3-552-07618-1)

Zusammenfassung
  • Der Salzburger Publizist Karl-Markus Gauß hat mit "Die Liebe kommt immer zu spät" ein neues Buch veröffentlicht, das drei Reisen nach Slowenien, Bosnien und in die Obersteiermark schildert.
  • Der Buchtitel stammt aus einem Brief des bosnischen Schriftstellers Dževad Karahasan und bezieht sich auf die Notwendigkeit, politische und gesellschaftliche Liebe nicht zu spät zu erkennen.
  • Im Mittelpunkt des Buches stehen Menschen, die nationale, politische oder sexuelle Verfolgung erlebt haben und deren individuelle Lebensgeschichten Gauß sowohl erschüttert als auch ermutigt haben.
  • Gauß reflektiert kritisch über sein Verhältnis zu Österreich und betont, dass das soziale und rebellische Österreich oft unterschätzt wird.
  • Das Buch ist im Zsolnay Verlag erschienen, umfasst 138 Seiten und kostet 24,70 Euro (ISBN 978-3-552-07618-1).