APA - Austria Presse Agentur

Ausstellung über die Pariser Commune im Karl-Marx-Hof

10. März 2021 · Lesedauer 4 min

Es ist wohl eines der weniger groß gefeierten Jubiläen des heurigen Jahres: Am 18. März 1871, also vor 150 Jahren, etablierte sich die Pariser Commune, eine chaotische, zwischen Barrikaden errichtete und nach 72 Tagen blutig niedergeschlagene gesellschaftliche Utopie, die "erste Diktatur des Proletariats" (Friedrich Engels), in der viele spätere soziale Errungenschaften vorweggenommen wurden. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt ab morgen eine Sonderausstellung dazu.

"Was die Pariser Kommune wollte, das verwirklicht die Wiener Kommune. Jene war der erste Versuch einer reinen demokratischen Arbeiterregierung, diese ist ihre erste Erfüllung", schrieb Karl Kautsky am 1. Mai 1927 in der "Arbeiter-Zeitung". Als "Mythologisierung der Ereignisse" charakterisiert Kurator Werner T. Bauer beim Rundgang mit der APA nüchtern die späteren Versuche, die Interpretationsmacht über die sehr heterogenen Geschehnisse zu erhalten. "Karl Marx war anfangs skeptisch, hat dann aber an der Mythologisierung mitgearbeitet. Und auch die Sozialdemokratie ist relativ rasch auf diesen Zug aufgesprungen."

"Wir versuchen, keine Hagiografie zu betreiben, sondern die Ereignisse sachlich und kritisch zu beleuchten", beschreibt Bauer das Ziel der kleinen Ausstellung, die sich zu großen Teilen auf Bildmaterial aus französischen Institutionen stützt. "In Paris hat die Commune ein wenig die Bedeutung wie bei uns das 34er-Jahr. Es ist nicht wirklich aufgearbeitet. Die Konservativen sehen darin einen anarchistischen Aufstand, der niedergeschlagen werden musste, auf der linken Seite ist es dagegen ein Mythos." Dass Anarchisten ebenso wie Sozialisten unter den Kämpfern waren, dafür aber mehr Bürgerliche als Arbeiter, dass nahezu alle untereinander zerstritten waren, dass es aber vor allem den Akteuren an Erfahrung mangelte, ihre Ziele durchzusetzen, das verschweigt die Schau keineswegs: "Sie waren nicht nur militärisch, sondern auch in der Verwaltung teilweise totale Dilettanten", räumt Bauer ein.

Die Schautafeln, die in die Dauerausstellung des Waschsalons integriert sind, erzählen die Ereignisse chronologisch, von der Vorgeschichte der Jahre 1830, 1848, dem "Operettenkaiser" Napoleon III. und dem deutsch-französischen Krieg 1870-71, der mit seiner Belagerung in Paris ein revolutionäres Potenzial entstehen ließ, über die militärischen Ereignisse, die wichtigsten Akteure und deren Aktivitäten bis zur Niederschlagung, die mehrere tausend Opfer forderte. "Bis heute weiß man nicht genau, wie viele Menschen umgekommen sind. Aber man weiß: Es war ein Gemetzel", sagt Bauer, der bei der Gestaltung der Ausstellung auf Zeichnungen und Zeitungen, Karikaturen, aber auch erste Fotografien zurückgreifen konnte. "Es gibt unglaublich tolles Bildmaterial. Das zu bekommen, war allerdings in Corona-Zeiten gar nicht so einfach."

Einen Schwerpunkt bilden die Versuche sozialer Reformen, die tatsächlich revolutionär waren. Die Pariser Kommune begrenzt die tägliche Arbeitszeit auf zehn Stunden, kommunalisiert die Arbeitsvermittlung, legt Mindestlöhne und gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fest, schafft erste Ansätze einer betrieblichen Selbstverwaltung, gründet Waisenhäuser, errichtet Berufsschulen und legt Wert auf eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Viel Zeit zur Umsetzung blieb allerdings nicht.

Zu den bedrückendsten Zeugnissen der abschließenden Kämpfe zählen Bildzeugnisse von gestapelten Leichen, von Internierungen und Erschießungen, aber auch von den Brandstiftungen der "Petroleuses", die im Auftrag des Wohlfahrtsausschusses Gebäude in Brand setzten. Die Abrechnung mit den Kommunarden war furchtbar, es gab Schauprozesse, Erschießungen und Deportationen. Nach zehn Jahren erfolgte allerdings eine Amnestie, später auch eine Rehabilitierung und teilweise auch eine Heroisierung der Beteiligten. In ihrem letzten Kapitel befasst sich die Ausstellung mit der künstlerischen Nachwirkung der Commune, von Verlaine und Rimbaud, Victor Hugo, Jules Vallès und Emile Zola über Bert Brecht bis zur "Proletenpassion" der Schmetterlinge und zu Banksy, der ein Flüchtlings-Rettungsschiff nach der Kommunardin Louise Michel benannte.

Die morgige Eröffnung wird ohne große Vernissage-Aktivitäten aus einem simplen Aufsperren um 13 Uhr bestehen. Auch Führungen sind zur Zeit aufgrund der Anti-Covid-19-Maßnahmen nicht erlaubt. Immerhin sind vermutlich keine großen Wartezeiten zu erwarten: Neben den zwei Aufsichtspersonen dürfen jeweils 16 Besucher gleichzeitig in den Waschsalon.

(S E R V I C E - Ausstellung "Vive la Commune" im Museum "Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof", Wien 19, Karl-Marx-Hof, Halteraugasse 7, 11.3. bis 27.2., Do 13-18 Uhr, So 12-16 Uhr sowie für Gruppen nach Voranmeldung unter 0664 /885 40 888; www.dasrotewien-waschsalon.at )

Quelle: Agenturen