APA - Austria Presse Agentur

Angela Lehners Roman "2001": "Unglaubliche Umbruchszeit"

23. Aug 2021 · Lesedauer 7 min

2019 kam niemand an Angela Lehners Roman "Vater unser" vorbei. Es war ein Aufsehen erregendes Debüt. Nun erscheint der zweite Roman der in Berlin lebenden Österreicherin, "2001". "Ständig hab ich gehört: Das zweite Buch ist das schwierigste! Oder einen Blödsinn wie: Jetzt beweist Du erst, ob Du überhaupt schreiben kannst!", umreißt die Autorin die Ausgangslage. "Mich hat das aber beim Schreiben total befreit, denn ich wusste, ich kann es eh nicht allen recht machen."

Vor zwei Jahren hat die 1987 geborene Klagenfurterin, die in Osttirol aufwuchs, es zumindest fast allen Jurys recht machen können: An sie ging der Franz-Tumler-Literaturpreis, der Literaturpreis Alpha, der Debütpreis des Österreichischen Buchpreises und der Rauriser Literaturpreis. Auch für den Deutschen Buchpreis wurde sie mit ihrem Erstling nominiert. "Es stimmt: Nach der Longlist des Deutschen Buchpreises konnte man den Eindruck haben, dass von einem Tag auf den anderen ständig dieses pinke Buch in allen Medienfeeds präsent war. Aber dieser Erfolg ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Wenn ich auf meine bisherige schriftstellerische Karriere zurückschaue, sehe ich auch viel Schweiß und Jahre von unbezahlter Arbeit. Ich habe einen riesigen Ordner von Ablehnungen - auch von 'Vater unser'", analysiert Lehner im Gespräch mit der APA nüchtern.

Vielen Autorinnen und Autoren gelingt es jedoch nie, in die Erfolgsspur einzubiegen. Was war bei ihr anders? "Es gibt sicher auch einen Glücksfaktor, aber bei mir haben, denke ich, ein paar Faktoren eine Rolle gespielt. Ich habe das Talent. Das haben aber viele andere auch. Ich bin außerdem fleißig und arbeite sehr konzentriert. Für mich ist das ein Job, den ich versuche, so ordentlich wie möglich zu erledigen - mehr Projektmanagement als Warten auf Inspiration. Die wichtigsten Faktoren waren aber wahrscheinlich, dass ich kinderlos bin und Stipendien erhalten habe. Das hat mir erst ermöglicht, mich überhaupt voll und ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. Ein Privileg, das viele andere Schriftstellerinnen schlicht nicht haben."

Als Angela Lehner an "Vater unser" schrieb, arbeitete sie zunähst noch parallel in einem Reisebüro. Der Erfolg des Buches in Verbindung mit Preisgeldern und Stipendien hat dann ihre Arbeit an "2001" finanziert. "Ich habe das ganze Corona-Jahr sehr konsequent und strukturiert daran gearbeitet. Als Künstlerin hätte ich mich aber für keine einzige Corona-Beihilfe qualifiziert. Auf mich haben die ganzen staatlichen Anforderungsprofile nie gepasst. In dieser Zeit ist mir wieder klar geworden, wie wir von KünstlerInnenförderung abhängig sind. Den Leuten ist nicht bewusst, wie unterbezahlt die Literaturbranche ist. Für Viele steht der Verdienst in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand."

Die Ich-Erzählerin ihres großteils in der psychiatrischen Abteilung des Otto-Wagner-Spitals spielenden Debütromans war Eva Gruber, eine junge Frau mit überbordender Energie und intensiver Ausstrahlung, von der es schon in der Volksschule geheißen hatte: "Die Eva lügt immer." Auch in "2001" steht eine Ich-Erzählerin im Zentrum: Julia Hofer ist Hauptschülerin in einem österreichischen Provinznest. Ihre Lebensmittelpunkte sind Hip-Hop-Musik und ihre "Crew" genannte Clique. "Ich entwickle eine Geschichte immer aus der Stimme heraus, die erzählt. Ich schau mir an: Wer und wo bist Du? Und von dort entwickelt sich das weiter. Ich hatte einmal einen Anthologiebeitrag über Erlebnisse aus meiner eigenen Jugendzeit geschrieben, der ein ähnliches Sujet hatte wie der Roman. Der Anfang der 00er-Jahre war eine sehr spezielle Zeit, die ich intensiver beleuchten wollte. Und bald habe ich gemerkt, diese Clique und diese Erzählstimme funktionieren."

Auffällig ist, dass "2001" fast völlig ohne Eltern auskommt, die einzige immer wieder präsente erwachsene Bezugsperson ist der Klassenvorstand. "Als Leserin fand ich Geschichten, die ohne Eltern auskommen - wie 'Der Zementgarten' oder 'Lord of the Flies' - immer faszinierend und unheimlich. In meinem Buch steht die Elternlosigkeit aber für diese Generation Y und darüber hinaus für die ganze Gesellschaft, die in den frühen 2000ern kollektiv ganz neue Erfahrungen machte und auf sich selbst zurückgeworfen wurde, ohne dass man sich an Älteren und ihren Erfahrungen orientieren konnte. Schon vor 9/11 war das eine unglaubliche Umbruchszeit. Durch Haider und Schwarz-Blau wurde vorher Unsagbares wieder möglich, gleichzeitig gab es durch Europa und den Euro ein Zusammenrücken; der Nahostkonflikt hat täglich furchtbare und blutige Bilder ins Fernsehen gebracht, gleichzeitig hat man sich total für neue Technologien interessiert - und das alles im Kontext von BSE... Wir hatten als Gesellschaft zu wenig Antworten darauf und sicher viel zu wenig Diskurs darüber. Das hat mir als Jugendliche ein großes Gefühl der Verunsicherung gegeben."

Wie hat sich Angela Lehner die Atmosphäre jener Zeit, in der sie selbst 14 Jahre alt war, beim Schreiben vor Augen geführt? "Ich hab angefangen, alte Zeitungen zu lesen und eine eigene Mappe angelegt, in der jeder Wochentag vor 20 Jahren verzeichnet war und alle wichtigen politischen Ereignisse." Ursprünglich habe sie diese Ebene "durch schnelle Blicke nebenher auf den Fernseher" einbauen wollen, "um zu zeigen, dass die Figuren sich einerseits gar nicht dafür interessieren, dass aber dieses ganze weltpolitische Geschehen dennoch auf sie einwirkt", erzählt die Autorin. Das habe aber nicht funktioniert. Stattdessen startet der Geschichtslehrer im Buch nun ein Unterrichtsexperiment, bei dem jeder Schüler die Rolle eines politischen Akteurs jener Zeit übernehmen muss. "Das hat dann ganz schnell den Stoff und die Figuren mitentwickelt und sich mit dem großen Ganzen verwoben."

Um einiges wichtiger für Julia und ihre Crew ist jedoch die Musik der damaligen Zeit. "Ich hab eine ExpertInnengruppe gegründet, in der ich mich mit Leuten, die früher Hip-Hop gehört haben, ausgetauscht habe. Heute bin ich ja bekannterweise Feministin und stehe vielen damaligen Texten sehr viel kritischer gegenüber. Es war also durchaus überraschend, mir wieder anzuhören, was mich damals begeistert hat. Ein Teil meines Schreibprozesses war, viel spazieren zu gehen, Musik zu hören und über meine Figuren nachzudenken. Der Verlag wird meine Playlist für das Buch übrigens auf seine Spotify-Seite stellen. Ich kann mir vorstellen, dass durch mein Buch einige wieder die Musik von damals hören wollen."

Einen ersten Eindruck der Reaktionen auf das heute erscheinende Buch bekam Angela Lehner unlängst bei einer ersten Lesung im Wiener Museumsquartier. "Ich hatte nach der erzwungenen Coronapause sogar etwas Lampenfieber, aber es war sehr schön zu sehen, wie viele verschiedene Themen das Buch für die Leute aufmacht. Aber in der Literatur und in der Kunst bleibt jeder neue Stoff grundsätzlich ein Pokerspiel: Wird der Daumen vom Publikum rauf- oder runtergedreht? Ich kann nicht einschätzen, wie '2001' ankommen wird."

Lehner, die beim Komparatistik-Studium in Wien einst "eigentlich immer das Gefühl der Unerwünschtheit" hatte ("80 Prozent meiner Zeit bin ich in überfüllten Hörsälen auf dem Boden gesessen"), für einen intermedialen und interkulturellen Master dann nach Nürnberg-Erlangen ging und später in Berlin hängen blieb, hat jedenfalls für alle Fälle vorgesorgt. Zusätzlich zu ihrem Master hat sie eine weitere Ausbildung begonnen. "Für mein Selbstverständnis ist es gut, noch etwas in der Hinterhand zu haben. Das hohe Tempo und die Intensität der literarischen Arbeit kann anstrengend werden. Über den nächsten Stoff möchte ich etwas gemütlicher und ohne wirtschaftliche Zwänge nachdenken. Jetzt möchte ich vielleicht ein bisschen die Geschwindigkeit rausnehmen und mal schauen, wie's wird. Dann brauche ich halt für mein nächstes Buch fünf Jahre."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Angela Lehner: "2001", Hanser Berlin, 384 Seiten, 24,70 Euro)

Quelle: Agenturen