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Albertina stellt Munch in den Dialog mit modernen Stimmen

17. Feb. 2022 · Lesedauer 4 min

"Angst, Einsamkeit, Isolation, Schmerz." Es sind keine aufbauenden Themen, die Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder im Zusammenhang mit dem bekannten Maler Edvard Munch ins Treffen führt. Aber deshalb ist die große Frühjahrsausstellung (18.2.-19.6.) seines Hauses, die Werke Munchs in einen Dialog bringt mit sieben zeitgenössischen Künstlern, keineswegs eine niederschlagende Angelegenheit, sondern führt vor allem Radikalität und Einfluss des Norwegers vor Augen.

Zwei große Munch-Ausstellungen hat es in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Albertina bereits gegeben. Widmete man sich damals seinen Themen und Variationen sowie seinem druckgrafischen Werk, steht nun die Frage im Fokus, "warum Munch von einer derartigen Brisanz, Relevanz und Aktualität für die Malerei unserer Zeit ist", wie es Schröder bei der Presseführung am Donnerstag formulierte. Mehr als 60 Werke des vor allem für seinen "Schrei" bekannten Künstlers stehen Arbeiten von Andy Warhol, Jasper Johns, Georg Baselitz, Miriam Cahn, Peter Doig, Marlene Dumas und Tracey Emin gegenüber.

So beeindruckend sich diese Namensreihe liest, so vielfältig ist der malerische und gestalterische Ausdruck. Und doch lassen sich zahlreiche Parallelen oder Inspirationen aufzeigen, die diese Künstlerinnen und Künstler mit dem 1944 verstorbenen Munch verbinden. "Er war ein Vorbild und Vorreiter", betonte Schröder. Dementsprechend hätte man auch 100 Positionen aufbringen können, wie Kurator Dieter Buchhart zu bedenken gab. "40 sah unser Konzept anfangs vor, doch wir haben es dann immer mehr und mehr verdichtet und auch jedes einzelne Werk hinterfragt."

Herausgekommen sind letztlich Miniausstellungen der beteiligten Künstler, die sich zwischen den Munch gewidmeten Räumen auftun. So etwa zu Miriam Cahn: Die Schweizerin ist mit ihren großformatigen, figurativen Darstellungen der emotionalen Kraft Munchs ganz nahe, wobei die Kombination aus grellen, beinahe ins Neonspektrum reichenden Farben und durchdringendem Ausdruck der Sujets sofort in den Bann zieht. Eine Sogwirkung ist auch den unheilvollen Bildern Peter Doigs eigen, die menschliche Einsamkeit und Überwältigung der Natur zusammenführen wie etwa in "Echo Lake".

Munch selbst lernen wir in chronologischer Reihenfolge kennen, wobei das Hauptaugenmerk dem Spätwerk gilt. Seine in vielen Variationen existierende "Madonna" ist dabei früh gesetzt, führt über zu einprägsamen Bildern wie der "Straße in Åsgårdstrand", dem "kranken Kind" oder "Zwei Jungen am Strand". Sein Pessimismus und die Selbstzweifel, seine Sicht auf eine gespaltene Gesellschaft oder die generell oft sehr düstere Grundstimmung: All das sind Aspekte, die sich in der ein oder anderen Form im Werk der ebenfalls gezeigten Künstler wiederfinden.

"Natürlich stellte sich die Frage, wie wir diese Ausstellung präsentieren", gab Kuratorin Antonia Hoerschelmann Einblick in den Entstehungsprozess. Man habe sich schlussendlich für die Künstlerräume entschieden, "weil viele Jahre zwischen diesen Werken liegen und sich Proportionen sowie Perspektiven verändert haben". Das wird naturgemäß auch bei Georg Baselitz oder den oft hochpolitischen Arbeiten Marlene Dumas' deutlich, die nicht zuletzt die Apartheid in ihrem Heimatland Südafrika verarbeitet.

Und doch ist auch der direkte Vergleich, die direkte Übernahme der Inspirationsquelle Munch möglich: Andy Warhol und Jasper Johns haben ihn schließlich als Vorlage verwendet und weiter verarbeitet. Sind es bei Warhol etwa Arbeiten wie "Der Schrei", "Die Brosche" oder die "Madonna", die er in eigene Serien überführte, reichte für Johns schon die Struktur einer Bettdecke auf dem Selbstporträt "Zwischen Uhr und Bett", um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Für Schröder bietet "Edvard Munch. Im Dialog" nicht nur die Möglichkeit nachzuspüren, was von Munch "als Strahl in die Zukunft" reicht, sondern veranschaulicht auch die gegensätzliche Perspektive: "Man kann zurückgehen von der zeitgenössischen Kunst zu Edvard Munch, um seine radikale Moderne zu zeigen." Dass seine Themen für eine von der Pandemie geplagte Gesellschaft fordernd sein können, wollte er nicht in Abrede stellen. Allerdings sei Kunst in der Lage, "uns mit den schlimmsten Schmerzen zu konfrontieren, aber wir können sie trotzdem ästhetisch genießen. Eine Ausstellung wie diese kommt nie zur unrechten Zeit."

(S E R V I C E - Ausstellung "Edvard Munch. Im Dialog" von 18. Februar bis 19. Juni in der Kahn Galerie und Tietze Galerie der Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien. Täglich 10-18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr. Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Dieter Buchart, Antonia Hoerschelmann und Klaus Albrecht Schröder, Prestel, 280 S., 32,90 Euro; www.albertina.at)

Quelle: Agenturen