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Abschied: Letztes "Wiener Stadtgespräch" mit Peter Huemer

28. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

49 der bisher 58 "Wiener Stadtgespräche" hat Peter Huemer selbst mit prominenten Gesprächspartnern geführt, bei seinem 50. und letzten Gespräch war er gestern, Mittwoch, Abend im AK Bildungsgebäude selber Gast. "Falter"-Journalistin Barbara Tóth führte das Gespräch mit dem 80-jährigen "Publizisten und Journalisten, Historiker und Citoyen", dem "Großmeister des Gesprächs", der am Ende mit Blumenstrauß und Standing Ovations verabschiedet wurde.

Zunächst gab es aber noch eine Abschiedsrede Huemers, in der er gegen "Politiker, die uns mit vorgefertigten Null-Aussagen unsere Zeit stehlen" wetterte, von Kleist zu Wittgenstein kam, sich an seinen ersten Gast Jean Ziegler erinnerte ("Der Saal war voll!") und bekannte, wie viele seiner Altersgenossen gelegentlich von der Technik überfordert zu sein. "Wie kompliziert ist es geworden, sich auch nur für eine Veranstaltung anzumelden", spielte er auf die beim Eingang kontrollierten QR-Zugangscodes an. "Ich bewundere Sie alle, die hier sind!"

Tóth bat Huemer zunächst, sich an seine Aktivitäten als Citoyen zu erinnern. Von einer Unterschriftenaktion gegen Friedrich Peter als Dritter Nationalratspräsident, die nach drei Wochen zu neun dicht mit Namen gefüllten Seiten in "profil" und zum Verzicht Peters führte, reichte der Bogen über Mahnwachen vor dem 05-Widerstandszeichen am Stephansplatz in der Waldheim-Zeit und der Gründung von SOS Mitmensch in der Wohnung Huemers ("Es war überfüllt.") bis zu den Heldenplatz-Aktionen "Konzert für Österreich", Lichtermeer und "Fest der Freiheit" im April 1995.

1968 habe er als "unglaublichen Befreiungsschlag" empfunden, sagte Huemer, stelle sich aber heute immer wieder die Frage: "Warum, wo wir uns so abgestrudelt haben, stehen wir dort, wo wir heute stehen? Warum ist das so wenig nachhaltig gewesen?" Als Leiter der legendären ORF-Debattier-Sendung "Club 2" habe er mehr als einmal vergnüglich erleben können, wie "Gentlemen der alten Schule von den jungen Feministinnen zugerichtet wurden". Er selbst bezeichne sich nicht als Feminist, "das wäre eine Anmaßung", "aber ich bin für die Gleichstellung auf allen Ebenen - und wenn dafür demonstriert werden soll, bin ich schon dabei".

Während man die Vergangenheitspolitik heute getrost "abhaken" könne, habe seine Generation im Zusammenhang mit der Klimakatastrophe "viel zu wenig zusammengebracht", bekannte Peter Huemer und ärgerte sich über die Kurzsichtigkeit von politischen Entscheidungen wie der Erhöhung der Pendlerpauschale. Wenn gegenwärtige Befindlichkeiten immer ernster als alles andere genommen würden, "werden wir nie anders leben - und das werden wir nicht aushalten", sagte er unter dem Applaus der Zuhörer. Wenn er mit seinem 17-jährigen Enkel über dessen Sicht auf die Zukunft rede, werde er stets ernüchtert. "Ich kann nur allen Politikern raten, mit ihren 17-jährigen Enkeln zu reden."

Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg halte er den Umgang mit russischen Künstlern, "die irgendwann an Putin angestreift sind", für "hysterisch und unangemessen", sein Urteil über den russischen Präsidenten stehe jedoch seit langem fest: "Ich fand Putin immer abstoßend, das hat sich nicht gewandelt." Ausnahmsweise stimme er mit Außenminister Alexander Schallenberg überein, der jede Form einer privilegierten Partnerschaft, aber keine EU-Mitgliedschaft der Ukraine befürworte. "Da hat er recht. Das würde ich für einen ganz schweren politischen Fehler halten."

Zum Krieg, dessen Ende nicht absehbar sei, werde eine Hungerkrise kommen, eine Energiekrise, während die Pandemie im Herbst wiederkommen werde und die Klimakrise weiter ungelöst sei. "Ich glaube, das ist eine Massierung, von der ich mir nicht vorstellen kann, wie das ohne große Verwerfungen gehen kann", sagte Huemer, der dennoch bekannte: "Ich bin ja ein Optimist. Ich habe nach wie vor das Prinzip Hoffnung eingeimpft."

Dass Elon Musk Twitter kaufe, halte er für eine Katastrophe, meinte er im abschließenden medienpolitischen Teil des Gesprächs. Öffentlich-rechtliche Medien seien unverzichtbar, die rechtliche Konstruktion des ORF (dessen Mitarbeiter er über drei Jahrzehnte lang war) sei allerdings, "was die Abhängigkeiten betrifft, nicht günstig". An zwei Grundsätze habe er sich als Journalist gehalten: "Du darfst dein Publikum nicht langweilen. Du darfst dein Publikum nicht unterschätzen." Zusatz: "Das Oberlehrerhafte sollen wir haben - aber wir müssen uns bemühen, es zu verbergen." Die Frage Tóths, was im Journalismus gefährlicher sei, die Schere im Kopf oder die Eitelkeit, beantwortete Huemer abschließend pragmatisch: "Beides ist gefährlich."

Quelle: Agenturen