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17. Istanbuler Biennale provokationsfrei eröffnet

17. Sept. 2022 · Lesedauer 5 min

Mit der 17. Istanbuler Biennale hat am Samstag der letzte wichtige europäische Kunstgroßevent des Jahres eröffnet. Maßgebliche Beiträge der über ganz Istanbul verstreuten Schau stammen von politisch engagierten Kollektiven, und bisweilen entsteht der Eindruck, dass hier die diesjährige documenta mit sanfteren Mitteln fortgesetzt wird. Dass auf provokante Kunst verzichtet wird, lässt sich freilich auch als subtilen Verweis auf autoritäre Tendenzen in der Türkei verstehen.

Im Stadtbild der 15-Millionenstadt am Bosporus ist sie praktisch nicht zu entdecken, und auch deshalb mutet die Biennale 2022 nahezu wie ein Geheimtipp an. Das ist kein Zufall: Das internationale Kuratorenteam - die Deutsche Ute Meta Bauer, ihr singapurischer Kollege David Teh sowie der indische Dokumentarfilmer Amar Kanwar - hatten in der Vorbereitungsphase auf die Coronakrise mit dem Plan reagiert, gemeinsam über Weltverbesserung nachzudenken und vor allem auch etwas leiser zu treten. In ihrem Statement hattet sie verkündet, dass es kein "großes Zusammenkommen" und keine "laute Kulmination" geben werde. Anstelle dessen hatten sie für eine "unsichtbare Fermentierung" plädiert und ihre Biennale gar mit Kompost verglichen.

Aber auch die meisten Kunstwerke, die sich auf zehn Orte im europäischen und zwei im asiatischen Teil der Stadt verteilen, bleiben in ihrem Auftreten zurückhaltend. Die Franzosen Tarek Atoui und Éric La Casa haben etwa in Kindergärten Klänge aufgezeichnet und daraus eine minimalistische Soundinstallation entwickelt, die den programmatischen Titel "Flüsternde Spielplätze" trägt. Dass ihre Arbeit, die im Küçük Mustafa Paşa Hammam, einer ehemaligen Badeanstalt im Stadtteil Fatih, zu hören ist, regelmäßig vom Ruf des Muezzins übertönt wird, versteht sich von sich selbst. Das gilt auch für zwei weitere Soundinstallationen im frisch renovierten Çinili Hammam in Fatih: Der Italiener Renato Leotta widmet der Wasserpflanze Neptungras ein "kleines Konzert für das Meer", die aus Papua-Neuguinea stammende Taloi Havini verarbeitete Tonaufnahmen von den Meeren Ozeaniens zu einer Komposition, die mit ihrer zyklisches Struktur ein anderes Verständnis für Ozeane, Zeit und Raum wecken soll.

Mit Skandalen ist aber auch bei politisch pointierteren Projekten nicht zu rechnen: Im architektonisch eindrucksvollen griechischen Mädchengymnasium, in dem sich seit der Schließung 1999 wenig verändert hat, wollen der Italiener Marco Scotini und der türkische Künstler Can Altay mit einer ironischen Installation den Besucherinnen und Besuchern zumindest ein wenig Ungehorsam beibringen: Auf den Schulbänken finden sich kleine Monitore mit Archivaufnahmen zu künstlerischen Protestkundgebungen. Von einer Prüfung ist jedoch keine Rede.

Im Geist des klassischen Feminismus dokumentiert das Kollektiv "Nepal minist Memorory Project" im Pera Museum die Geschichte des langen Kampfs der Nepalesinnen für Demokratie und Gleichberechtigung. Erinnert wird etwa daran, dass erst 1985 die erste Frau an einer nepalesischen Universität ein PhD-Studium abschließen konnte. Die Türkinnen Merve Elveren und Çağla Özbek kontextualisieren diese Geschichte aus dem Himalayastaat mit Archivmaterialien zu Frauenbewegungen in der Türkei, zu sehen sind etwa Fotos von Demonstrationen, in denen Türkinnen in den späten 1980ern gegen männliche Gewalt auf die Straße gingen.

Das Pera Kunstmuseum im Stadtteil Beyoğlu, das als Vorzeigeinstitutionen für eine europäische Ausrichtung der Türkei gilt, beherbergt aber auch drei der eindrucksvollsten Arbeiten dieser Biennale: Die lokale Starkünstlerin Gülsün Karamustafa zeigt eine Videoinstallation mit verstörend zerbrechendem Glas und schwarz-weißen Kabinen, die von "endlosen Flucht aus der Unterdrückung" künden sollen. Ihre afghanische Kollegin Lida Abdul ist mit einem Video aus dem Jahr 2008 vertreten, das Kinder zeigt, die in Löcher eines abgeschossenen sowjetischen Militärflugzeugs Baumwolle stopfen, um es wieder flugfähig zu machen. Ebenso an die jahrzehntelangen Nachwirkungen von Kriegen erinnert die Brasilianerin Alice Miceli, die auf den ersten Blick harmlose Landschaftsfotografien aus Bosnien und Kambodscha präsentiert. Es handelt sich jedoch um Minenfelder.

Das in Barın Han, der ehemaligen Werkstatt des türkischen Kalligrafen Emin Barın in Fatih, ausgestellte indonesische Kollektiv Danarto dkk wäre indes auch auf der zu Ende gehenden documenta gut aufgehoben gewesen. Freilich, Istanbul-Kokuratorin Meta Bauer war selbst als Mitglied der documenta-fifteen-Findungskommission an der Berufung der indonesischen Ruangrupa als Kuratoren mitbeteiligt gewesen. Danarto dkk beschäftigt sich jedenfalls mit dem Oeuvre des 2018 in Jakarta verstorbenen Schriftstellers, Regisseurs und Künstlers Danarto. Im Barın Han sind aber auch Arbeiten des US-amerikanischen Bread and Puppet Theaters vertreten, das zudem am Freitagabend zu einer Quasieröffnung der Biennale im Gazhane Museum im Stadtteil Kadıköy auf der asiatischen Seite einen Umzug machte. Gerade Istanbuler Kinder verfolgten dieses friedens- und ökologiebewegte Schauspiel mit großem Interesse.

Obwohl in dieser 17. Biennale Werke mit deutlichen Positionierungen zu auch den Kunstbetrieb tangierenden autoritären Entwicklungen in der Türkei fehlen, lässt das Kuratorenteam mit medialen Projekten keinen Zweifel an seiner Positionierung: Als Festivalradio fungiert der unabhängige, 1995 gegründete Sender Açık Radyo, dessen journalistische Performance insbesondere von Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk gewürdigt wurde. Gemeinsam mit der nach dem 2007 ermordeten armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink benannten Stiftung gibt die Biennale zudem die "Dumpling Post" ("Teigtaschen-Nachrichten") heraus: Im pseudokulinarischen Medium ist klar von Einschränkungen der Meinungsfreiheit in der Türkei die Rede.

Für eine aktivistische Publikation der Biennale ist indes die österreichische Künstlerin Eva Egermann verantwortlich: In seiner fünften Ausgabe erzählt das "Crip Magazine" Egermanns auf englisch und türkisch von Menschen mit besonderen Bedürfnissen und ihrer Kunst. Am Cover befindet sich ein einfache Mohnblumenzeichnung des Ukrainers Jewhen Holubenzew, der im Frühjahr die russische Besatzung von Borodjanka im Kiewer Umland durch- und überlebte. Es handelt sich dabei um einen sichtbaren Verweis auf den Krieg in der Ukraine, der sonst auf dieser Biennale praktisch nicht vorkommt.

(S E R V I C E - 17. Istanbul Biennale bis 20. November 2022. https://bienal.iksv.org/en/)

Quelle: Agenturen