Warum wir den Namen des Täters nicht nennen und keine Videos vom Tatort brachten

03. Nov 2020 · Lesedauer 3 min

PULS 24 nennt keine vollständigen Namen von Terroristen und zeigt keine Tatorte. Das ist eine bewusste redaktionelle Entscheidung.

Wir haben bei PULS 24 eine klare redaktionelle Richtlinie zur Berichterstattung über IS-Terror, die wir schon bei den ersten großen Anschlägen und Geiselnahmen entwickelt haben. Die Situation war damals, dass die meisten TV-Stationen Propagandabilder des IS verwendet haben, wenn sie über den IS berichtet haben (etwa die wehenden Fahnen auf Pickups, die Trainingscamps, die knieenden Geiseln in den orangen Anzügen, die Enthauptungen).

Wir haben beschlossen, dass wir uns nicht zum Instrument von Terroristen machen wollen, indem wir deren Bilder weitergeben, und eine genaue Richtlinie und eine Bilderdatenbank erarbeitet. Die damalige Politik-Chefin Liza Ulitzka hat dafür mit PolitikwissenschafterInnen, PsychologInnen und Terror-ExpertInnen gesprochen. Diese Richtlinien wenden wir auch sonst für die Terrorberichterstattung an, sie lauten grob:

  • Keine Bilder von Terrororganisationen übernehmen
  • Keine vollen Namen von Terroristen nennen, Fotos nur stark verpixelt zeigen (um Heldenbildung entgegenzuwirken)
  • Keine Bekennervideos zeigen
  • Keine Überhöhung zu einer "Armee" oder einem "Krieg", wenn es nicht angebracht ist
  • Nicht in die Falle tappen, Hass, Spaltung und Angst zu schüren, denn das ist das Ziel des Terrors und nicht unseres.

Dazu kommt, dass wir zwar unabhängig von der Polizei agieren, in solchen Situationen aber natürlich nicht die Arbeit der Exekutive behindern und uns an die Anweisungen halten.

Konkret zu den Bilder gestern haben wir beschlossen, keine Videos zu zeigen, die nicht verifiziert waren, keine Augenzeugen-Videos zu zeigen, die Angst und Schrecken verbreiten (weil das dem Ziel des Terrors dienen würde), und ab der Aufforderung der Polizei keine Nahaufnahmen vom Einsatz zu zeigen. Großteils haben wir den Schwedenplatz in einer fernen Totale gezeigt und zu unseren ReporterInnen geschalten, die an den wichtigen Punkten rund um die Innenstadt positioniert waren, und Augenzeugenberichte eingeholt.

Wir werden auch weiterhin den Namen des Attentäters nicht nennen und das Foto nur sehr stark verpixelt zeigen.

Zu Beginn des Attentats hatten wir am Montag allerdings eine Sondersituation – ein Reporterteam stand genau am ersten Tatort im Bermudadreieck und war für eine Schalte über den letzten Abend vor dem Lockdown bereit (das Live-Bild schon angelegt) als die ersten Schüsse fielen. Die Reporterin floh in ein Haus, der Kameramann lief in die andere Richtung und blieb live drauf. In dieser frühen Phase, in der wir noch nicht wussten, worum es geht, haben wir einige Livebilder (mit Wiederholungen) vom Polizeieinsatz und der Rettung gezeigt, die wir sonst nicht gebracht hätten. Nichts Tragisches, aber es war z.B. eine Bahre zu sehen. Das war ein Fehler, dem Schock geschuldet und wurde auch schnell beendet.

Corinna MilbornQuelle: Redaktion