Garry Kasparov

Corinna Milborn: Was Garry Kasparow uns über Putin zu sagen hat

04. März 2022 · Lesedauer 5 min

Der ehemalige Schachweltmeister und nunmehrige Menschenrechtsaktivist Garry Kasparow fordert die Nato-Staaten auf, eine Flugverbotszone über der Ukraine zu errichten und meint, wir befänden uns bereits im Dritten Weltkrieg.

Nach seiner Karriere im Schach war Garry Kasparow als Oppositionsaktivist in Russland tätig. Zusammen mit dem 2015 in Moskau ermordeten Putingegner Boris Nemzow gründete er das Wahlbündnis "Das andere Russland", das aber unter einem Vorwand nicht zu den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2007/2008 zugelassen wurde.

Kasparow warnte schon 2015 in seinem Buch "Winter is coming – Warum man Putin und die Feinde der Freien Welt stoppen muss" davor, dass deeskalierende Diplomatie Putin nur weiter anstacheln würde. Der Inhalt des Buches wurde weithin als übertrieben abgetan – ebenso wie zuletzt Kasparows aktuelle Warnungen vor einem Einmarsch in der gesamten Ukraine. Da er nun doch recht behalten hat, lohnt sich ein Blick auf seine Sicht der Dinge.

Im ersten einer ganzen Reihe von Twitter-Postings vom Donnerstag bezeichnet Kasparow im – auch nach seiner eigenen Einschätzung – emotionalen Zustand Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine als "Genozid in industriellem Ausmaß". Dieser Vergleich rückt den Krieg in die Nähe des Holocausts an den europäischen Juden, was eine absolut unangemessene Holocaust-Verharmlosung darstellt.

Auch von einem Völkermord kann aktuell in der Ukraine nicht die Rede sein, sehr wohl aber von einem verbrecherischen Angriffskrieg, der keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt.

Hier die übrigen Aufforderungen Kasparows im Originalton, damit Sie sich ein eigenes Bild machen können:

Putin hat Macron wenig überraschend erneut zur Hölle geschickt. Die NATO und die EU haben Putin bereits mitgeteilt, dass sie seine Armee nicht angreifen werden, warum sollte er also zuhören? Russland hebt die Einschränkung auf militärische Ziele auf, die Zahl der Toten steigt stündlich, und der Ausfall von Elektrizität und Wasserversorgung erreicht kritische Ausmaße.

Kein Abkommen verbietet den NATO-Staaten die militärische Verteidigung der Ukraine. Viele sagen, dass die Entscheidung auf dem Risiko beruht, dass Putin Atomwaffen einsetzen könnte - dass die Bewaffnung der Ukrainer hingegen ein akzeptables Risiko sei, und die ukrainische Staatbürgerschaft der Piloten und Soldaten, die diese Waffen einsetzen, das Risiko von Atomschlägen reduziert. Wenn sie so auf das Kleingedruckte schauen – und glauben, dass Putin das auch tut – dann sollen sie Selenskyj bitten, jedem freiwilligen Kämpfer einen ukrainischen Pass zu geben, und der Ukraine Jets für einen Euro pro Stück liefern und sie mit der ukrainischen Fahne bemalen. Glauben Sie, dass Putin das interessiert? Ist es die verlorenen Leben wert?

Wir sind schon im Dritten Weltkrieg. Putin hat ihn vor langer Zeit gestartet und die Ukraine ist nur die derzeitige Front. Er wird so oder so weiter eskalieren und es ist wahrscheinlicher, dass er das tut, wenn er mit der Zerstörung der Ukraine Erfolg hat – weil man ihm wieder gezeigt hat, dass man ihn nicht stoppt, auch wenn man könnte.

Biden und andere bestehen darauf, dass die NATO zurückschlagen würde, wenn Putin baltische Staaten angreift. Wenn ich mir die Situation in der Ukraine ansehe, bin ich mir dessen nicht sicher – und Putin wird es auch nicht sein. Wenn es bei der derzeitigen Zurückhaltung darum geht, die Gefahr eines Nuklearschlags abzuwenden, dann gilt das in Estland genauso wie in der Ukraine. Sagt nicht: "Putin würde das nie tun." Das Argument klingt vertraut, weil es dasselbe ist wie 2014, als Putin in der Ukraine einmarschierte und die Krim annektierte. Es war zu riskant, ihn zu stoppen, sagte man mir, als ich für eine Intervention eintrat und davor warnte, dass er damit nicht aufhören würde. Und da stehen wir nun, in einem Bombenhagel.

Das Risiko und die Kosten sind heute höher, weil die "vernünftigen" Menschen im Westen immer das niedrigere Risiko für heute wählen, und damit für morgen ein höheres Risiko garantieren. Es ist riskant, den Luftraum über der Ukraine (nach einer Warnung) zu sperren. Es ist aber riskanter, Putin die Ukraine zerstören zu lassen und es ist eine menschliche und moralische Katastrophe. Man kann das nicht aussitzen. Das ist nicht Schach. Es gibt kein Patt, es gibt kein Remis. Entweder zerstört Putin die Ukraine und zieht die NATO danach in eine noch größere Katastrophe, oder Putin fällt in Russland. Er kann mit Schwäche nicht gestoppt werden.

Die Korridore für Waffen, Lebensmittel und Medikamente in die Ukraine und die Fluchtrouten werden enger und können geschlossen werden. Putin kann Züge bombardieren, die Grenzen zu den NATO-Staaten schließen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die russischen Streitkräfte ein NATO-Ziel treffen, steigt. Und dann? Sieht man dann immer noch zu?

Wenn die Antwort "Nein" ist – wenn man glaubt, dass die NATO sofort antworten wird, wenn ein Flügel eines russischen Jets hinüber in den polnischen Luftraum ragt – dann muss man fragen: Warum ist die Tatsache, dass vorher Tausende aus der ukrainischen Zivilbevölkerung sterben, weniger wichtig? Und was ist die Botschaft an Putin? Dass man ehrenhaft ist, oder ein Narr? Wir wissen es.

Wie ich 2014 sagte – und vor einer schicksalhaften Woche wieder: Der Preis, einen Diktator zu stoppen, steigt immer. Was vor acht Jahren, oder sechs Monaten, oder zwei Wochen genügt hätte, um Putin zu stoppen, genügt heute nicht mehr, und morgen wird der Preis wieder gestiegen sein.

Putin schwört, Ukrainer zu töten, während wir zusehen. Die Ukraine hat kein Verbrechen begangen, außer den Versuch, sich der demokratischen Welt anzuschließen, die nun bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit zusieht. Nicht, weil sie nicht eingreifen kann – sondern weil sie nicht will.

Corinna MilbornQuelle: Redaktion