APA - Austria Presse Agentur

Vor einem Jahr: Ischgl wird als Corona-Hotspot bekannt

12. März 2021 · Lesedauer 5 min

Am 13. März 2020, also genau vor einem Jahr, wurde über das Paznauntal eine Quarantäne verhängt. Dabei wurde der Ort Ischlg vom Apres-Ski-Hotspot zum Synonym für Viren-Hotspots. Die Causa Ischgl beschäftigt auch rund ein Jahr nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie die heimische Justiz und wird dies wohl auch noch länger tun.

Der Tiroler Wintersportort Ischgl im Paznauntal schafft es nicht aus den Schlagzeilen. Nachdem Anfang März 2020 noch gesportelt, gefeiert und geurlaubt worden war, kehrte ab Freitag, den 13. März, plötzlich Stille ein. Eine Quarantäne wurde verhängt. Es ahnte wohl niemand, dass das Tal für sechs Wochen gesperrt wird.

Ansteckungen im Kitzloch

Den Anfang der schier unendlichen Geschichte markierte der 5. März. Die Tiroler Behörden erhielten die Meldung, wonach Urlauber aus Island daheim positiv auf das Virus getestet wurden. Für die Isländer Grund genug, Ischgl zum Risikogebiet zu erklären. In Tirol wiederum glaubte man, die Ansteckung sei im Flugzeug passiert. Dass sich die Isländer in einem mittlerweile berühmt gewordenen Apres-Ski-Lokal namens "Kitzloch" aufgehalten hatten, erfuhren die Behörden erst später. Am selben Tag wurden drei norwegische Erasmus-Studenten positiv getestet, die Ende Februar in Ischgl und im Kitzloch waren. Zuvor waren sie in der Lombardei unterwegs.

Platters "schwierigste Entscheidung"

Genau ebenjenes Kitzloch geriet immer mehr ins Visier der "Contact Tracer". Die Infektion eines Kellners wurde am 7. März bestätigt, für die Behörden der erste bestätigte Corona-Fall im Ort. Von da an wurde von Tag zu Tag immer klarer, dass es in Ischgl einen größeren Ausbruch des Virus gibt. Es ging nun Schlag auf Schlag: Am 9. März wurde das Kitzloch gesperrt, am 10. März waren alle Apres-Ski-Lokale im Ort dran. Tags darauf wurde verkündet, dass die Skisaison in Ischgl für zwei Wochen unterbrochen wird. Am 12. März hieß es zunächst, dass die Wintersaison in Ischgl beendet wird - am Abend wiederum, dass das für ganz Tirol gilt. Im Nachhinein bezeichnete Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) dies als die "schwierigste Entscheidung in meinem politischen Leben".

Die Zukunft des "Kitzloch"

Anfang Februrar 2021 sprach PULS 24 Chefreporterin Magdalena Punz mit Kitzloch-Betreiber Bernhard Zangerl über den Beginn der Corona-Pandemie und seine Pläne zur Wiedereröffnung.

Vor einem Jahr: Sperre Paznauntal

Doch damit war noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Am 13. März wurde nämlich das gesamte Paznauntal und der Nobelskiort St. Anton am Arlberg von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) bei einer Pressekonferenz überraschend "ab sofort" unter Quarantäne gestellt - eine bis dahin noch nicht gekannte Maßnahme. Zu diesem Zeitpunkt dürften sich zwischen 7.000 und 8.000 Gäste im Paznauntal aufgehalten haben, die sich zum Teil schleunigst auf den Weg gemacht hatten. Ausländische Touristen durften noch ausreisen, Österreicher mussten dagegen an Ort und Stelle bleiben. Wie die später eingerichtete Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von Ronald Rohrer feststellte, führte dies zu "Panikreaktionen von Gästen und Mitarbeitern". Außerdem sei dies "überraschend, ohne unmittelbare Zuständigkeit und ohne substanzielle Vorbereitung" geschehen, lautete die Kritik. Erst nach sechs Wochen wurde die Isolation aufgehoben, der Talausgang wurde ständig kontrolliert.

Lokalaugenschein in Ischgl nach Ende der Quarantäne

PULS 24 berichtete vor einem Jahr aus Ischgl, nachdem die Quarantäne aufgehoben wurde.

Ischgl-Kommission sah Fehleinschätzungen

Noch Mitte März wurde der Vorwurf laut, dass die Behörden in Sachen Ischgl zu lange zugeschaut hätten und die Ausreise der Touristen unkontrolliert erfolgt sei. Nach einem zähen politischen Schlagabtausch unter den Tiroler Landtagsparteien wurde schließlich eine Untersuchungskommission eingerichtet. Diese attestierte dem Land kein Versagen, allerdings Fehleinschätzungen. Eine frühere Beendigung der Wintersaison in Ischgl wäre der richtige Weg gewesen. Druck aus der Wirtschaft, die Wintersaison nicht zu beenden, wurde nicht festgestellt. Als "falsch" beurteilte die Rohrer-Kommission eine Pressemitteilung des Landes, in der von der Landessanitätsdirektion festgehalten wurde, dass eine Ansteckung im Kitzloch "aus medizinischer Sicht unwahrscheinlich" sei. Das Land reagierte auf den Bericht mit der Einsetzung von Expertengruppen. Daraus resultierte ein Zentrum für Krisen- und Katastrophenmanagement und eine neue Landesdirektion für Gesundheit.

Ermittlungen laufen noch

Die Causa Ischgl beschäftigt auch rund ein Jahr nach Ausbruch der Coronavirus-Pandemie die heimische Justiz und wird dies wohl auch noch länger tun. Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft ermittelt offiziell gegen vier Personen wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Gefährdung von Menschen durch übertragbare Krankheiten. Darunter der Ischgler Bürgermeister Werner Kurz sowie dem Vernehmen nach der Bezirkshauptmann von Landeck, Markus Maaß - offiziell bestätigt wurde dies jedoch nicht - sowie zwei weitere Mitarbeiter der Behörde. An der Zivilrechtsfront wurde mit 9. April indes schon der erste Verhandlungstermin festgelegt. Konkret geht es um Schadenersatz für Hinterbliebene eines Mannes, der sich in Ischgl mit dem Virus infiziert haben soll und kurze Zeit später verstarb. Der Verbraucherschutzverein (VSV) brachte zudem mehrere Amtshaftungsklagen gegen die Republik ein. Bis zur Verhandlung sollen 100 Amtshaftungsklagen anhängig sein, hatte es seitens des VSV geheißen.

In einem weiteren Aspekt in der Causa Ischgl konnten erhobene Anschuldigungen bereits entkräftet werden. Dem dortigen Hausarzt war vorgeworfen worden, falsche Atteste bzw. "Gefälligkeitsbestätigungen" ausgestellt zu haben. Auch diese Vorwürfe seien von der Staatsanwaltschaft geprüft worden, sie haben sich aber nicht bestätigt.

In Zukunft weniger Partytourismus

In Ischgl wiederum kündigte die Lokalpolitik eine Kursänderung an. "Mehr Qualität" solle künftig im Vordergrund stehen, dafür soll es weniger Partytourismus geben. "Vorrang für Skifahrer und weniger Tagesbusgäste, die nur zum Feiern kommen", lautete die Devise. In der heurigen Wintersaison konnte man - nachdem man nach eigenen Angaben 700.000 Euro in Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen investiert hatte - dieses "neue Ischgl" aber noch nicht ausprobieren. Denn die Skilifte standen die gesamte Saison still.

Quelle: Agenturen / Redaktion / pea