Molekularbiologe Elling: "Politiker haben Menschenleben auf dem Gewissen"

19. Nov 2021 · Lesedauer 4 min

Molekularbiologe Ulrich Elling, PULS 24 Infochefin Corinna Milborn und Anchor Fabian Kissler fürchten um den Erfolg des Lockdowns. Politiker würden die Verantwortung dafür tragen, dass man sehenden Auges in die aktuelle Situation gekommen ist. Was es jetzt brauche, sei Kommunikation auf Augenhöhe, damit Maßnahmen eingehalten werden und die Leute impfen gehen, sonst würde das Sterben weitergehen.

"Es wird knapp, dass wir das hinkriegen", fürchtet Molekularbiologe Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) um den Erfolg des Lockdowns. Die einen seien kommunikativ nicht zugänglich, die anderen würden sich in Sicherheit wiegen und nicht einsehen, warum sie sich einschränken müssen. 

Außerdem würden die Schulen offen bleiben. Man wisse, dass diese zehn Prozent der Neuinfektionen ausmachen. Der Rest der Bevölkerung müsse deshalb jetzt umso disziplinierter sein. Dem Kollaps des Gesundheitssystems, so PULS 24 Infochefin Corinna Milborn, könne man nun kaum mehr etwas entgegensetzen. Dazu käme, dass viele nicht verstehen würden, warum ein Lockdown notwendig ist. 

Neuinfizierte können sich nicht auf Intensivversorgung verlassen

"Wer sich jetzt ansteckt, kann sich nicht mehr auf eine gute Intensivversorgung verlassen", warnt Elling im PULS 24 Spezial am Freitagabend. Er habe sowieso nie eingesehen, warum Intensivstationen voll sein müssen, um Maßnahmen zu verhängen. Das mache keinen Sinn. Wenn das Contact Tracing und die Versorgung in den Krankenhäusern wegen Überlastung kollabieren, sei es eigentlich schon zu spät für eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen. 

Milborn: Als würde täglich ein Flugzeug abstürzen

Jetzt, wo der Lockdown verhängt wurde, sollte Einigkeit in der Politik herrschen. Stattdessen habe das große Fingerzeigen angefangen, sowohl bei der Opposition als auch innerhalb der Regierung, kritisiert Milborn. Das Zögern habe Menschenleben gekostet. Das wäre nicht nötig gewesen, so Elling. Und "durch eine Partei, die Freiheit im Namen trägt müssen wir jetzt unsere Freiheit einschränken. Die Freiheitlichen haben ein falsches Bild von Freiheit", kritisiert er die Politik der FPÖ.

"Einige Politiker haben das Ansehen der Wissenschafter beschädigt, aber auch ihr eigenes und sie haben Menschenleben auf dem Gewissen." Inzwischen sterben im Schnitt 44 Menschen täglich an Corona. Das sei laut Milborn, als würde täglich ein Flugzeug abstürzen. 

"Den Lockdown plus Impfpflicht hätte man sich sparen können, wenn man im Sommer getan hätte, was die Modelle gezeigt haben und gehandelt hätte". Es stimme ja nicht, stellt Milborn klar, dass die Regierung das nicht gewusst habe. "Sie hat aktiv beschlossen das zu ignorieren und in diese Katastrophe hineinzulaufen".

Impfen: "Man muss auf Menschen zugehen"

Die PULS 4 Infochefin verlangt zusätzlich zur Impfpflicht auch eine "Kampagne auf Augenhöhe". "Man muss auf Menschen zugehen", ihre Ängste ernst nehmen und ihre Fragen beantworten, gibt Milborn den Kurs vor. Auf keinen Fall, warnt der Molekularbiologe, dürfe man sich jetzt nur auf die Impfpflicht verlassen. Es brauche eine "Aufklärungskampagne auf allen Kanälen", um jene 35 Prozent der Ungeimpften zu erreichen, die keinesfalls alle strikte Impfgegner seien. 

Argumente, wie auf einen Totimpfstoff warten zu wollen, würden aus wissenschaftlicher Sicht keinen Sinn machen. Noch gebe es keine Daten, wie gut dieser Impfstoff wirke, wenn er einmal ausgerollt wird. Im Gegensatz dazu würden viele Zweifler gar nicht wissen, was mRNA sei. "Es gibt Skepsis an Wissenschaft an sich und völliges Fehlverständnis, was Wissenschaft ist. Es wird an Anekdoten geglaubt." Es könne auch sein, dass nächsten Herbst die nächste Booster-Impfung notwendig werden wird. Das könne man zum derzeitgen Zeitpunkt noch nicht sagen. 

Ellings Hoffnung: "Wenn's im Frühling vielleicht vorbei ist, sind wir alle froh und denken zurück, dass das heute ein Schreckenstag war."

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam