Experten widersprechen Kurz und Mückstein bei frühen Lockerungen

25. Mai 2021 · Lesedauer 4 min

Weitere Lockerungen der Corona-Regeln stehen bevor. Nachdem Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am Abend zusätzliche Öffnungsschritte mit 17. Juni angekündigt hatte, legte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) noch nach. Experten sehen das kritisch.

Mückstein kann sich nun sogar eine Woche früher als Kanzler Kurz Corona-Erleichterungen vorstellen. Damit dürften demnächst wieder größere Gruppen indoor im Gasthaus zusammensitzen, die Sperrstunde nach hinten rücken und die Maskenpflicht im Freien fallen. Die ÖVP ist zufrieden. Zuvor hatte Mückstein die Pläne von Sebastian Kurz gebremst.

Basis war Kurz' Aviso, dass man schon kommenden Freitag bei einem Gespräch mit Landeshauptleuten Lockerungen etwa bei der Maskenpflicht oder der Sperrstunde verkünden wolle. Mückstein reagierte verschnupft, kündigte Masken indoor auch noch kommenden Winter an und warnte davor, Luftschlösser zu bauen. Gegenseitige Unfreundlichkeiten aus den hinteren Reihen der Koalitionspartner folgten.

"Ein erstes Kräftemessen"

"Das war eine Machtprobe", analysierte Doris Vettermann, Journalistin der "Kronen Zeitung" gegenüber PULS 24. Dass der Türkise Bundeskanzler etwas ankündige, ohne dass es fix sei und ohne dass es mit dem Koalitionsparten abgesprochen wurde, sei man gewohnt. Der Grüne Gesundheitsminister hätte dann aber die "türkise Kampfstrategie" unterschätzt: Es rückten Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, Klubchef August Wöginger (beide ÖVP) und die schwarzen Landeshauptmänner aus, um sich ebenfalls für Öffnungen auszusprechen. 

Vettermann: "Das war eine Machtprobe"

Doris Vettermann, Journalistin bei der Kronen Zeitung analysiert im Gespräch mit PULS 24 Anchor René Ach die Debatten in der Regierung. 

Mückstein sei grundsätzlich aber ebenfalls für Öffnungen - er wollte nur kritisieren, dass es nicht gemeinsam verkündet wurde, sagte Vettermann. Es war also ein "Kräftemessen", das nun aber wieder vorbei sei, so die Journalistin.

Fidler: Keine Öffnungen ohne Sicherheitskonzept

Corona-Infizierte sind nicht immer krank, können aber die Infektion weitergeben. Andere, vor allem Ältere oder gesundheitlich Vorbelastete könnten dann natürlich einen schweren Krankheitsverlauf haben, analysierte Gesundheitsexperte Armin Fidler. Öffnungen ohne Sicherheitskonzepte - wie sie die FPÖ fordert - lehnt er strikt ab. "Wir wollen nicht wieder da sein, wo wir im Herbst letzten Jahres gewesen sind."  Vorsichtsmaßnahmen walten zu lassen sei vor allem für jene wichtig, die noch nicht geimpft sind. 

Wo Maskenpflicht Sinn macht

Den von Kurz und Mückstein angedachten Öffnungen steht Fidler zwiegespalten gegenüber. Eine allgemeine Maskenpflicht draußen, etwa in Fußgängerzonen und Parks, mache in der gegenwärtigen epidemiologischen Situation keinen Sinn mehr. Bevor man über weitere Öffnungsschritte entscheidet, solle man jedoch abwarten, wie sich die momentanen Lockerungen auf das epidemiologische Geschehen auswirken. In der Schweiz hätte man geöffnet und in manchen Kantonen seien die Zahlen wieder am Steigen.

Bleiben solle vorerst laut dem Public-Health-Experten auf jeden Fall noch die Maskenpflicht "überall, wo viele Menschen auf engen Raum sind, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Flugzeugen, Zügen, im Taxi, wo ich nicht weiß ob der Taxifahrer geimpft oder genesen ist". Überall wo man den Impfstatus von Menschen nicht kenne, würde auch das Masken-Tragen weiter Sinn machen. 

Fidler zur Maskenpflicht

Public Health Experte Armin Fidler erklärt, wo in Zukunft Maskenpflicht Sinn macht - und wo nicht. 

Nowotny rät zu Maskenpflicht bis 1. Juli

Ähnlicher Meinung ist auch Virologe Norbert Nowotny. Er findet die Diskussionen um weitere Öffnungen verfrüht: "Wir werden erst Ende Mai sehen, wie sich die Öffnungsschritte auswirken". Dann werde man sehen, in welche Richtung sich die Zahlen entwickeln. Er sei zuversichtlich, aber eine 100 prozentige Garantie gebe es nicht, er gehe von 80 bis 90 Prozent aus. Nowotny rät dazu, abzuwarten. Er könne sich ein Ende der Maskenpflicht mit 1. Juli vorstellen, aber auch dabei müsse man weiterhin das Infektionsgeschehen im Auge behalten. U-Bahnen seien "gesteckt voll", da brauche man die Maske noch. Wenn die Zahlen bis Anfang Juli gut seien "kann man von mir aus alles aufsperren". Den Vorschlag von FFP2-Maske wieder zu Mund-Nasen-Schutz zu wechseln, sieht er kritisch. Er persönlich würde bis 1. Juli zum Tragen einer FFP2-Maske raten. 

Dass die Sperrstunde auf 24 Uhr verlegt werden soll, findet der Virologe bei weiterem Sinken der Neuansteckungen zulässig, allerdings ebenfalls unter Sicherheitsvorkehrungen. Dass in der Gastronomie das Personal dreimal pro Woche getestet werden soll, sieht Nowotny positiv. 

"Österreicher wollen klare Vorgaben"

Eine leichte Kritik an Kurz und Mückstein schwingt beim PULS 24 Interview ebenfalls mit. "Die Österreicher und Österreicherinnen wollen klare Vorgaben haben." Man solle zu ihnen "mit einer Stimme" sprechen. Das sei momentan leider nicht der Fall. Kurz sprach zum Beispiel von Öffnungen ab dem 17. Juni, Mückstein brachte den 10. ins Gespräch. 

Nowotny: "Diskussion um Öffnungen ist zu früh"

Virologe Norbert Nowotny analysiert im Interview mit PULS 24 Anchor René Ach die Debatten um weitere Corona-Öffnungsschritte.

Quelle: Redaktion / koa