Redaktionsgebäude der Kronen Zeitung in Wien

"Was war überhaupt richtig?" 96.000-Euro-Strafe für "Krone"

17. Jan. 2023 · Lesedauer 3 min

Ex-FPÖ-Politiker Hans-Jörg Jenewein verklagte die "Kronen Zeitung" wegen zwölf gedruckten und Online-Artikeln über seinen Suizidversuch. Die Richterin zerlegte die Texte in der Luft und verdonnerte die Zeitung zu einer ungewöhnlich hohen Strafe. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Im August 2022 unternahm Ex-FPÖ-Politiker Hans-Jörg Jenewein einen Suizidversuch. Die "Kronen Zeitung" berichtete darüber in epischer Breite, schrieb etwa davon, dass Jeneweins Ex-Frau einen Abschiedsbrief gefunden und der Ex-Politiker auf einer Intensivstation um sein Leben gerungen habe. Der ehemalige Nationalratsabgeordnete verklagte das Medium wegen der Verletzung seines höchstpersönlichen Lebensbereichs, wie der "Standard" schreibt. 

Name war richtig geschrieben

"Ich bin nie auf einer Intensivstation gelegen und war nie in Lebensgefahr", erklärte Jenewein am Dienstag am Landesgericht für Strafsachen in Wien der Richterin. Auch habe er keine Ex-Frau, da er noch immer in erster Ehe verheiratet sei, und einen Abschiedsbrief habe es auch nicht gegeben. "Man könnte auch die Frage stellen: Was war überhaupt richtig in dem Artikel? Ihr Name war richtig geschrieben?", fragte Richterin Nicole Baczak deshalb den Kläger. Der habe gepasst, bejahte Jenewein die spitze Frage. 

Mutter suchte ihn vergeblich auf Intensivstation

Vor Gericht schilderte der 48-jährige Ex-FPÖ-Politiker, dass seine Mutter wegen der Berichte verzweifelt versucht habe, herauszufinden, in welchem Spital er auf der Intensivstation liegt. Natürlich habe sie ihn nicht gefunden, weil die Info falsch war. 

Die Vertreterin der "Kronen Zeitung" argumentierte, dass der Fall und damit die Berichterstattung politische Brisanz aufgewiesen habe, da in den Tagen zuvor bekannt geworden sei, dass bei Jenewein eine Anzeige gegen die eigenen Parteikameraden aus der Wiener FPÖ gefunden wurde. Jenewein erklärte jedoch laut "Standard" unter Wahrheitspflicht, dass der gefundene Anzeigenentwurf nicht mit dem schließlich eingebrachten identisch sei. Wer die tatsächliche Anzeige formuliert habe, wisse er nicht.

Tod öffentlich, Sterben nicht

Die "Krone" hätte berichten dürfen, wenn die Artikel in unmittelbarem Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben des Ex-Politiker gestanden wären. Die Richterin kam aber zum Schluss, dass dem nicht der Fall sei. Ein Suizidversuch habe keine politische Relevanz. "Der Tod ist öffentlich, das Sterben der höchstpersönliche Lebensbereich", fand Baczak. 

"Was ist die politische Relevanz?"

"Was ist die politische Relevanz, wenn jemand einen Selbstmordversuch unternimmt? Keine", urteilte die Richterin und verurteilte die "Krone" zu einer Entschädigung von 96.000 Euro. Da die Vertreter von Jenewein und "Kronen Zeitung" keine Erklärung abgaben, ist das Urteil nicht rechtskräftig.

Haben Sie Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe:

Telefonseelsorge: 142 (Notruf), täglich 0–24 Uhr, online unter www.telefonseelsorge.at
Sozialpsychiatrischer Notdienst/PSD: 01 31330, täglich 0–24 Uhr, online unter www.psd-wien.at
Rat auf Draht: 147. Beratung für Kinder und Jugendliche. Anonym, täglich 0–24 Uhr, online unter www.rataufdraht.at
Kindernotruf: 0800 567 567, Beratung bei persönlichen Krisen. Anonym, täglich 0-24 Uhr

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam