Mordopfer Marija verheimlichte Gewalt in der Beziehung vor ihrer Mutter

10. Mai 2021 · Lesedauer 5 min

Corinna Milborn spricht mit den Eltern von Marija M, die Ende April von ihrem Ex-Partner Albert L., bekannt als "Bierwirt" von seinem Prozess gegen die Grüne Abgeordnete Sigi Maurer, in Wien-Leopoldstadt erschossen wurde. Ebenfalls zu Gast ist Anwältin Astrid Wagner, die die Eltern vor Gericht vertritt, sowie Gerichtspsychologe Reinhard Haller.

Bei Corinna Milborn sprachen die Eltern der Ende April ermordeten Marija erstmals von der Tat. Mutter Slobodanka M. und Vater Borivoje M. haben sich zu einer Privatanklage nach dem Tod ihrer Tochter entschieden. "Meine Tochter kommt nicht zurück, aber vielleicht kann man andere junge Frauen retten. Es gibt sicher noch viele, die leiden so wie meine Tochter. Und die vielleicht auch so enden", schildert die Mutter ihre Beweggründe, trotz ihrer Trauer tätig zu werden.   

Sie wolle Frauen, nicht nur in Österreich oder Serbien, sondern auf der ganzen Welt, Mut machen. "Ich hab' versucht, sie zu retten, leider hab ich's nicht geschafft." Slobodanka wünscht allen Opfern von Gewalt Mut und fordert sie auf zu reden, "egal mit wem, mit Freunden oder Polizei" und sich aus gewalttätigen Beziehungen zu befreien.

"Schlägt er dich?"

Über 50 bis 60 Prozent der Vorfälle in der gewalttätigen Beziehung ihrer Tochter hätte sie Bescheid gewusst. Erst nach Marijas Tod erfuhr sie von gebrochenen Rippen und einem Kieferbruch. "Schlägt er dich?", hätte Slobodanka ihre Tochter immer wieder gefragt. Doch ihre Tochter verneinte. Versuche, ihr Kind zum Reden zu bringen, seien erfolglos geblieben und alle Angebote, wieder zurück zu ihr zu ziehen, hätte die junge Frau ausgeschlagen. Marija wollte, dass ihre Kinder mit Mutter und Vater aufwachsen. Ihre Enkelkinder nimmt nach dem Mord nun Großmutter Slobodanka zu sich. 

Schüsse auf den Schwiegervater - die Tochter sah zu

Schon vor der Tat habe es Warnzeichen gegeben. Der spätere mutmaßliche Täter Albert L. habe in Anwesenheit seiner 13-jährigen Tochter und des Schwiegervaters einmal in die Decke der Wohnung geschossen - einmal wenige Zentimeter am Ohr des Schwiegervaters vorbei. Von einer Anzeige sah Borivoje dann doch ab, weil "ja nichts passiert" sei und er annahm, dass der Täter für die Tat nicht gerichtlich belangt werden könne. "Wenn der dann rauskommt, der bringt uns alle um", schildert er seine Angst. Denn der Schwiegersohn hätte ihm und seiner Frau mit dem Tod gedroht. Während der Beziehung hätte L. auch gedroht Marijas Familienmitglieder, wie die Kinder ihres Bruders zum Beispiel, umzubringen.

Die Tochter hätte Angst um ihre Mutter und ihren Vater gehabt. "Ohne mich ist er verloren, er braucht mich", schildert Borivoje die Begründung ihrer Tochter in der Beziehung mit ihrem gewalttätigen Partner bleiben zu wollen.

"So einer darf keine Waffe haben"

Corinna Milborn stellt in den Raum, dass der Prozess mit nur drei Jahren Haft ausgehen könnte, weil er bei der Festnahme massiv betrunken war. Rechtsanwältin Astrid Wagner glaubt nicht, dass die Berauschung des mutmaßlichen Täters vor Gericht einen Milderungsgrund darstellen wird. Der Mann dürfte sich erst nach der Tat angetrunken haben, so die Anwältin. "Allein schon dieses gezielte Vorgehen – er hat abdrücken können, hat eine Waffe genommen, er hat auch in den Kopf geschossen (…) da wird man wohl nicht von einer Rauschtat ausgehen." "So einer darf keine Waffe haben", erklärt die Anwältin. Der Bierwirt habe die Waffe auch nicht legal besessen.

Frau M. zieht vor Gericht, um zu verhindern, dass ihr Schwiegersohn mit drei Jahren davonkommt. Aus Selbstschutz, aber auch als Schutz für andere Frauen. "Wenn der frei herumläuft, stellt sich von selbst die Frage, wer ist die Nächste", so der Vater des Opfers.

Anzeigen sind "einzige Sprache, die solche Menschen verstehen"

Es sei ein beunruhigender Trend, dass es zwar einen Rückgang bei männlichen Opfern, nicht jedoch bei weiblichen gebe, führt Gerichtspsychologe Reinhard Haller aus. Sexual- oder Raubmorde kämen heute kaum mehr vor. Haller ruft dazu auf, schon bei geringen Vorzeichen Taten zur Anzeige zu bringen. "Das ist fast die einzige Sprache, die solche Menschen verstehen."

Gefährliche Drohungen, Cybermobbing und Stalking, so Anwältin Wagner würden viel zu selten angezeigt werden. "Ich kann das verstehen, weil die Behörden das leider nach wie vor viel zu wenig ernst nehmen."  

Täter fühlen "gewissen Stolz"

Das Besondere an dieser neuen Serie von Frauentötungen, so Gerichtspsychologe Haller, sei dass die Täter einen "gewissen Stolz" fühlen würden. In der internationalen Kriminalität sehe man tatsächlich einen Trend zu immer motivärmeren Verbrechen mit überdimensionalen Reaktionen. "Das ist etwas, was uns tatsächlich Sorge machen muss. Das kann man wahrscheinlich nie ganz verhindern." Maßnahmen zu setzen könnte jedoch schon helfen.

Männer würden sich über ihre Frauen und deren beruflichen Erfolg definieren und wären dadurch kränkbarer, führt Wagner aus. Das sein ein europäischer Trend. Man würde bei der Hilfe bei Frauen ansetzen, "ich glaube aber, dass man auch die Männer an die Kandare nehmen müsste." Zu Maßnahmen wie verpflichtendem Antiaggressionstraining würde viel zu selten gegriffen.

Männerbild ändert sich bereits

"Mittelfristig müsste sich das Männlichkeitsbild ändern", ist sich der Psychologe sicher, "aber das geschieht nicht von heute auf morgen, damit werden wir nicht diese Welle stoppen können" Kurzfristig müsste man eine Zwischenlösung schaffen, damit die Bereitschaft der Frauen steigt, Taten zur Anzeige zu bringen. Es sei ein Problem unserer Gesellschaft, dass Emotionen entweder übertrieben – wie in Castingshows – oder gar nicht gezeigt würden. Dadurch würde man Vorzeichen nicht erkennen. Wagner ist optimistisch, dass das gelingen kann. Denn auch die Einstellung von Vätern zu ihren Kindern hätte sich geändert. Früher hätte man keine Männer mit Kinderwägen gesehen.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam